Auf den Spuren der Schmuggler: Schmuggellandschaften an der Schweizer Südgrenze und im Bergell
Über Jahrhunderte bildete der Schmuggel einen integralen Bestandteil der Schweizer Bergwirtschaft. In «Schmuggellandschaften» begeben sich Dominik Siegrist und Franz Ebner auf die historischen Pfade der Schmuggler und stellen fest: Der illegale Handel mit Zigaretten, Kaffee und anderen Gütern war weitaus mehr als nur ein Geschäft. Der Schmuggel sicherte die Existenz zahlreicher Alpenbewohner:innen.
Im Jahre 1797 eroberten napoleonische Truppen das Veltlin, das zuvor über Jahrhunderte Teil des Untertanengebiets des heutigen Kantons Graubünden war. Die dadurch neu entstandene Grenze bildete für die Bevölkerung allerdings keinen ausreichenden Grund, um auf alte Handelsbeziehungen zu verzichten. Waren wurden weiterhin hin und her geschmuggelt und von den Behörden mehr oder weniger stark sanktioniert. Mit der Einigung Italiens im Jahr 1861 veränderte sich jedoch die Ausgangslage: Der junge Nationalstaat verstärkte die Kontrolle seiner Grenzen. Er war auf Geld angewiesen und duldete nicht länger, dass ihm durch die Schmuggelei Einnahmen aus den Zöllen entgingen. Das markierte den Anfang der Epoche des klassischen Schmuggels an der Schweizer Südgrenze. Diese Epoche endete erst Mitte der 1970er-Jahre, als das Schmuggelgeschäft aufgrund der Liberalisierung der europäischen Handelsbeziehungen nicht mehr rentierte.
Während der Schmuggel die meiste Zeit von der Schweiz nach Italien stattfand – zu den beliebtesten Schmuggelwaren zählten Kaffee und Zigaretten –, florierte während des Zweiten Weltkriegs auch der illegale Einfuhrschmuggel in die Schweiz. Dabei wurden vor allem Reis und andere Lebensmittel aus Italien eingeführt. Obwohl das von den Schweizer Behörden zunächst streng verfolgt wurde, tolerierten sie das Schmuggelgewerbe ab den späten 1940er-Jahren unter der Bezeichnung Export II. Im Gegensatz dazu blieb das Schmuggeln in Italien weiterhin verboten. So drohte den italienischen Schmugglern, auch Spalloni genannt, eine mehrjährige Haftstrafe, wenn sie von der Guardia di Finanza erwischt wurden. Allerdings gab es zwischen den Schmugglern und den italienischen Grenzwächtern oft Absprachen, sodass die Spalloni die Grenze unbehelligt passieren konnten. Eine gute Gelegenheit für manche Guardie, ihr bescheidenes Gehalt etwas aufzubessern.
Von den Sfrusgiadur…
Die Bergkämme zwischen Avers, Bergell und Veltlin sind hoch und steil. Über Jahrhunderte bildete diese Region eine wirtschaftliche Einheit und es bestanden kaum Zollschranken. Erst mit der Loslösung des Veltlins von Graubünden kam um 1800 der Warenschmuggel auf. Für ihr Gewerbe benutzten die Schmuggler, im Bergeller Dialekt Sfrusgiadur, viele der oft anspruchsvollen Übergänge. Ein grosser Teil der Waren wurde aber auch auf der Talroute zwischen der Grenze und Villa di Chiavenna geschmuggelt. Drehscheibe bildete das Lebensmittelgeschäft Vincenti in Castasegna. Dort kauften die italienischen Chefs Zigaretten, Kaffee und andere Waren legal ein, bevor die Schmuggler diese in ihren bis zu dreissig Kilogramm schweren Bricolle, den typischen Schmugglersäcken aus Jute, über die grüne Grenze trugen. Die meisten Schmuggler – im Raum Castasegna und Villa di Chiavenna arbeiteten etwa fünfzig – stammten aus den italienischen Grenzregionen.
Dass das Schmuggelgeschäft einträglich war, bestätigte Vincenzo Vincenti selbst. Talbewohner:innen erinnern sich, wie der langjährige Inhaber des gleichnamigen Lebensmittelladens stolz berichtete, dass er dank seines Geschäfts jedem seiner Kinder eine schöne Erbschaft hinterlassen konnte. Margherita Vincenti, seine Schwester und Mitarbeiterin, erzählte auch, dass italienische Grenzwächter manchmal tagsüber in Zivil nach Castasegna kamen, um bei ihnen einen Sack Kaffee zu kaufen. Den transportierten sie später über die Grenze. In der Nacht, wenn sie dann im Dienst waren, feuerten sie ein paar Schüsse ab und taten so, als überraschten sie die Schmuggler und hätten ihnen die Ware abgenommen. Mit solchen Tricks erhofften sich die italienischen Guardie eine Beförderung.
Weiter berichtete Lebensmittelhändler Vincenti, wie er den Röstkaffee in Säcken zu vierzig Kilogramm verpackte und zur Ramina, dem Grenzzaun, brachte. Meist in der Nacht, vielleicht um drei Uhr, fuhr er die Kaffeesäcke auf der linken Talseite bis zur Grenze. Er habe geliefert, was die zwei, drei Capi aus Villa di Chiavenna für ihre Trägergruppen bestellten. Die italienischen Spalloni standen bereit, übernahmen die Ware und schlüpften unter dem Grenzzaun hindurch. Dazu schnitten die Männer am Boden ein Loch in den Zaun. Einzelne Träger pendelten pro Nacht bis zu siebenmal hin und her. Wenn es um eine grössere Partie ging, wurden die italienischen Grenzbeamten geschmiert und die Träger querten die Grenze am Fluss unterhalb des Zolles. Manchmal liessen sie den letzten Sack für die Zöllner fallen, damit diese etwas vorweisen konnten, erinnerte sich Vincenti.
…und den Schmugglerinnen im Bergell
In allen Gebieten an der Grenze mit Italien wurde die Schmuggelware meist von lokalen Händlern bereitgestellt. Schweizer waren kaum als Träger unterwegs. Mit wachsenden technischen Möglichkeiten wurden für den Warentransport auch Seilbahnen, umgebaute Autos und Helikopter eingesetzt. Die Schmuggler praktizierten ihre Tätigkeit oft um des puren Überlebens willen, wobei es sicherlich den einen oder anderen gab, der von der Abenteuerlust angezogen war. Auch Frauen waren am Schmuggel beteiligt; sie unterstützten die Aktivitäten der Männer in den Tälern und Dörfern. Sie waren der soziale Anker, sorgten für die Familie und ermöglichten ihren Männern, Brüdern und Söhnen deren anspruchsvolle Tätigkeit. Frauen waren insbesondere damit beschäftigt, die Waren in Kellern und Hütten zu verstecken und weiterzuverkaufen, die Schmuggelpakete vorzubereiten, die Aktivitäten der Guardia di Finanza zu beobachten und die Schmuggler zu warnen. Und in einigen Gebieten waren sie selbst als Schmugglerinnen unterwegs. So erweiterte sich insbesondere während der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre die soziale Basis des Schmuggels immer mehr auf die Frauen.
Schmuggelgeschichte als Sozialgeschichte der Bergregionen
Es waren Bruno Soldini und Marco Nessi, die den harten Alltag der Schmuggler vor fünfzig Jahren in ihrem Spielfilm Storia di confine erstmals ausführlich dokumentierten. Dabei legten sie einen Fokus auf die Grenze und somit auch auf das Gegenstück der Schmuggler: die Grenzwächter. Diese nahmen Personen- und Zollkontrollen an den Grenzen vor – oftmals auch in einsamen und abgelegenen Bergregionen. Diese entbehrungsreiche Tätigkeit, die die Grenzwächter im Sommer und Winter, bei Tag und Nacht, bei Regen und Sturm ausübten, unterstand einer militärischen Disziplin. Hinzu kam, dass sie während des Einsatzes wochenlang von Familie und Freund:innen getrennt waren. Kaum erstaunlich also, dass in dieser angespannten Atmosphäre des Öfteren Konflikte zwischen Grenzwächtern und Schmugglern auftraten.
Auf der italienischen Seite waren oft Grenzwächter aus Süditalien im Einsatz, die mit den Verhältnissen und der Gegend nicht vertraut waren. Ein Schmuggler erzählte von einem Erlebnis auf der Bergeller Alp Somasaccio, wie sie zu fünft mit ihren Bricolle unterwegs waren. Sie erreichten die Ställe und trafen auf zwei Guardie. Einer von beiden habe ihn angeschaut und nichts gesagt. Der Zufall habe es gewollt, dass die Guardia noch nicht wusste, dass es Schmuggel gab, denn er war ein Neuer. So seien sie rasch weitergegangen.
Das Phänomen des klassischen Schmuggels steht in engem Zusammenhang mit den oft prekären sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen in den Berggebieten entlang der Grenze. An vielen Orten gab es neben der wenig ertragreichen Landwirtschaft kaum Möglichkeiten, das Einkommen aufzubessern. So lässt sich die Schmuggelwirtschaft auch als wirkungsvolle Randgebietsförderung deuten. Auf beiden Seiten der Grenze entstanden damit Verdienstmöglichkeiten; die Erträge verblieben meist vor Ort. In diesem Sinne ist die Beschäftigung mit den Hintergründen des klassischen Schmuggels auch ein Bestandteil der Erforschung der Sozialgeschichte der italienisch-schweizerischen Grenzregionen.
Redaktion: Elena Arnold