Piz Bernina von der Diavolezza GR (© M. Volken)
FOKUS WASSER: Zwischen Schnee und Strom – Wasser als Rückgrat im Tourismus
Welche Rolle spielt Wasser in alpinen Tourismusdestinationen im Klimawandel? Die Erfahrungen aus drei Bünder Tourismus-Destinationen (Engadin Samnaun Val Müstair, Lenzerheide und Prättigau) zeigen vor allem eines: Wasser ist stets das verbindende Element. Ein Streifzug durch die drei Destinationen – und ein Plädoyer für kooperative Wassernutzungen.
Für Skipisten und Wellness-Anlagen wird es verwendet, in Instagram-Storys und auf Prospekten ist es zu finden: alpines Wasser. Es spielt eine vielschichtige Rolle im Tourismussektor in den Alpen. Doch sein Vorkommen und seine Knappheit in Zeiten des Klimawandels werden erstaunlicherweise kaum thematisiert. Dabei mischt die globale Erwärmung den Kreislauf gerade neu auf: In der klimatischen Grundtendenz werden die Sommer trockener und die Winter nasser, meteorologische Extremereignisse wie heftige Niederschläge und langanhaltende Trockenperioden werden zusehend ausgeprägter, während die Schneefallgrenze unaufhaltsam aufwärtsstrebt. Was bedeutet das für den alpinen Tourismus?
Erster Halt: Wintersportparadies
Wir befinden uns auf den Fideriser Heubergen im Prättigau, eine Moorlandschaft nationaler Bedeutung. Das kleine, aber feine Familienskigebiet auf 2000 m ü. M. bietet Gästen ein relativ schneesicheres naturnahes Wintererlebnis. Besonders bekannt ist das Gebiet für die mit 12 km längste Schlittenabfahrt der Schweiz, die Besuchende zurück ins Dorf Fideris auf knapp 900 m führt. Die Öffnung der Pisten für die Skifahrer:innen klappt meistens gut auf Anfang der Saison. Doch die Öffnung des Schlittenwegs wird immer mehr zur Zitterpartie, die Schlittensaison endet immer öfter bereits früh im Jahr. Damit fehlen dem Betrieb die wichtigen Umsätze der Schlittelgäste. Milde Temperaturen, zu wenig Schnee und zu häufige Regenfälle bereiten Inhaber Henrik Vetsch Sorgen. Er beschäftigt sich deshalb intensiv mit der Frage nach alternativen Geschäftsmodellen für sein Gebiet. Ein herausforderndes Unterfangen.
Weiter vorne im Prättigau befindet sich noch ein Skigebiet: Grüsch-Danusa. «Um erfolgreich wirtschaften und für unsere Gäste möglichst schneesicher sein zu können, investieren wir in eine effiziente Beschneiung. Klar ist – hier wie auch andernorts: Ein natürlich weisses Weihnachtsgeschäft wird es immer seltener geben, womit die Beschneiung an Bedeutung gewinnt. Unser Geschäftsmodell hängt deshalb direkt von ihr ab», erklärt Geschäftsführer Dennis Ehinger. Ein neues Tool, der «Kompass Schnee» unterstützt zudem Skigebiete schweizweit dabei, Klimaszenarien und ihre erwarteten Auswirkungen aktiv in die Geschäftsentwicklung und Investitionsplanung einzubeziehen.
Die Tourismusorganisation im Unterengadin wiederum versucht, jenseits des Pistenglücks neue Angebote zu schaffen und zu diversifizieren: ganzjährig, flexibel, weniger schneeabhängig. Zurück zu den Wurzeln, könnte man fordern, war die Region doch einst als Kurort aufgrund ihrer hochmineralisierten Quellen weltbekannt. Doch auch hier machen sich trockene Sommer bemerkbar, wenn Jahre später die Mineralquellen versiegen oder nur noch wenig Wasser führen. Und auch moderne Wellnessanlagen als wichtige Bestandteile des touristischen Angebots kommen nicht ohne Wasser aus.
Ohne Wasser gibt es hier wie dort kein Wintermärchen, keinen Lebensraum, keine Wohlfühloasen. Während der Winter früher eher planbar war, ist er heute unberechenbar.
Zweiter Halt: Alpwirtschaft
Weniger Schnee im Winter und frühere Schneeschmelze bedeuten weniger Schmelzwasser im Sommer. Durch den Klimawandel kann es im Sommer zudem immer öfter an Niederschlag fehlen. Im Juli auf der Galtialp Malix trotzen die Kühe dem ständigen Sonnenschein durch den wolkenlosen Himmel. Im Tal wird geheut, und der Himmel hat an Regen gegeizt. «Unsere Quellen sind nicht sehr vorteilhaft verteilt und es ist zunehmend kein Verlass mehr auf sie. Deshalb wurde hier vor Jahren ein Wasserprojekt realisiert, welches Quellwasser nun mit reinem Wasserdruck auf die Alpen in ein Reservoir pumpt», erzählt uns Alpmeister Florian Held aus Malix. Andernorts wird das Wasser manchmal sogar per Helikopter gebracht, was zwar eine pragmatische, aber teure und schon gar nicht nachhaltige Lösung ist.
Heute muss die Wasserversorgung an entlegenen, trockenen Orten wie diesen gut geplant sein: mit Wasserspeichern und Wasserleitungen, vor allem aber auch mit Mindestabflüssen, verlässlichen Absprachen und Notfallplänen. Denn wo Koordination fehlt, werden logistische Verteilkämpfe unüberhörbar.
Wie wichtig ein sparsamer Umgang mit Wasser ist, zeigt sich auf der SAC-Hütte Lischana im Unterengadin. Hier ist Katzenwäsche kein Verzicht, sondern Weitsicht: Die Aussicht ersetzt den Hotpot, der Sternenhimmel die Dampfwolke. Die Hütte ist für ihre Versorgung, wie auch andere im Alpenraum, direkt vom Schmelzwasserabfluss eines Gletschers sowie der Sammlung von Oberflächenwasser abhängig. Da das Gletscherwasser zum Kochen wenig geeignet ist und der Gletscher in wenigen Jahren verschwunden sein wird, sind neue Lösungen gefragt. Hüttenwart Christian Wittwer ist trotz der angespannten Lage zuversichtlich und erklärt: «Theoretisch reichen die Ideen von künstlicher Beschneiung über das Abdecken von Schneedepots mit Vlies bis hin zu Wasserspeichern. Praktisch erwies sich in den letzten Jahren vor allem ein Wasserreservoir von 13 Kubikmetern als erfolgsversprechend. Es gelang damit, ausreichend Oberflächenwasser für den täglichen Gebrauch zu sammeln. Ein zweites Reservoir würde die Situation insbesondere in trockenen Jahren sicher zusätzlich entspannen.» Ein weiterer Hebel, bei dem die Hütte ansetzt, ist die Verbrauchsreduktion. Trockentoiletten und Sparwasserhähne in den Waschräumen tragen dazu bei, dass pro Gast und Nacht nur rund 20 Liter Wasser verbraucht werden. Diese Themen bearbeitet auch der SAC im Rahmen seiner Klimastrategie, denn die Wasserversorgung der Hütten wird den Verband die nächsten Jahre und Jahrzehnte beschäftigen.
Dritter Halt: Mitten im Fluss
Wildwasserbootfahren, sogenanntes «Rafting», ist eine populäre Freizeitbeschäftigung, die ebenso auf eine passende Wassermenge angewiesen ist. «Zu wenig Wasser ist schlecht – zu viel zur falschen Zeit gefährlich», erzählt Rafting-Guide George Hein am Inn. Damit das Rafting-Erlebnis stattfinden kann, wird ein gewisses Minimum an Wasser respektive Strömung benötigt. Auf der anderen Seite der Skala gehören natürliche Hochwasser, die je nach Zyklus des Flussjahres (Schneeschmelze, Dauerregen, Sommergewitter) auftreten, zur Arbeit mit der Natur.
Weiter flussaufwärts befindet sich ein Wasserkraftwerk, wo die Wasserabflüsse durch Menschenhand gesteuert werden. Hier wird gedrosselt und dosiert, um ausreichend Wasser für die Stromproduktion zur Verfügung zu haben. Erneuerbare Energie lautet das Schlagwort.
Jenseits der Nutzung für den Menschen ist eine gewisse Beständigkeit des Wasserflusses schliesslich existenziell für die damit verbundenen Lebensräume. Wer wieviel Wasser aus Fliessgewässern zu welchem Zweck verwenden und entnehmen darf, ist zwar reglementiert, Interessenskonflikte bleiben aber auch dann nicht aus. Das sogenannte Restwasser ist für Flora und Fauna unabdingbar: Es hält Flüsse und Bäche am Leben und sorgt dafür, dass Temperatur, Sauerstoffgehalt und Strömungsdynamik im Gewässer stabil bleiben – vorausgesetzt, es herrscht eine möglichst verlässliche Wasserführung. «Wir Fischer stehen in direktem Kontakt mit diesem Lebensraum und erleben negative Veränderungen unmittelbar», erklärt der Fliegenfischer Renato Vitalini aus Scuol und fügt hinzu: «Seit geraumer Zeit führt der Inn deutlich zu wenig Wasser. Das Flussbett wird zunehmend mit Sedimenten aufgefüllt und regelrecht zugekieselt. Dadurch geht wertvoller Lebensraum verloren – nicht nur für die Fische selbst, sondern vor allem auch für ihre wichtigste Nahrungsquelle, die Wasserinsekten.»
Doch können wir den Takt des Wassers wirklich kontrollieren? Am Tag unseres Ausflugs warnt ein Meteorologe im Radio: «Morgen erwarten wir intensive Gewitter mit rekordverdächtigen Niederschlagsmengen in kurzer Zeit. Halten Sie sich von Gewässern fern» – woraufhin der Song «Rain» von The Beatles abgespielt wird. Chasper Alexander Felix von der Gemeinde Scuol sagt dazu: «Unser Frühwarnsystem im Val S-charl funktioniert gut – wer sich an die Weisungen hält, ist bestmöglich geschützt.» Starkniederschläge führen hier, wo die Berghänge voll losem Gestein sind, immer wieder zu Murgängen.
Plädoyer für ein Wasserparlament
Auch wenn wir es im Alltag noch kaum merken: Wasser ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr, die immer zur Verfügung steht. Für alpines Ferienglück und den Tourismussektor bildet es jedoch – wie für andere Sektoren auch – das Rückgrat. Diese Tatsache ist so klar wie ein Bergbach, gespiesen von einer frischen Quelle. In den Alpen, wo die Folgen der Klimaerwärmung schon deutlich zu spüren sind, muss die Verwendung von Wasser zunehmend eingeteilt und koordiniert werden. Es benötigt sektorübergreifende Absprachen zwischen Gemeinden und Einwohner:innen, zwischen Bergbahnen und Landwirtschaft, zwischen Hotels und SAC-Hütten, zwischen Tourismus und Wasserkraft, zwischen Umwelt und Wirtschaft.
Vor allem benötigt es eine Sensibilisierung und ein Bewusstsein für das Element und die Ressource Wasser. Auch dafür, dass es nicht nur für den Menschen, sondern auch für Tiere und Pflanzen verfügbar sein muss. Am Ende geht es nicht um den einzelnen Tropfen, sondern um den Fluss der Entscheidungen. Ein Wasserparlament könnte einen Umgang mit Wasser initiieren der nicht mehr das Resultat von Überfluss, sondern von Verantwortung ist. Der Alpenraum könnte zum Vorzeigebeispiel der Kooperation werden: Die Alpen als Ort, an dem aus Konflikten Regeln entstehen, aus Regeln Vertrauen – und aus Vertrauen ein neues Verständnis von Luxus.
Redaktion: Aline Stadler