FOKUS WASSER: Lebensraum Alpen - Blatten als Beispiel für gefährdete Berggebiete
Wasser war bei allen jüngeren Naturkatastrophen im Alpenraum als entscheidendes Transportmittel und zerstörerische Kraft im Spiel. Dauerregen führte oft zu extremen Abflussmengen in kurzer Zeit und mobilisierte Erdmaterial, Hangschutt und gelockertes Felsmaterial im steilen Gelände der Bergtäler. Was bedeutet das für die Bewohnbarkeit in den Alpen?
Naturgefahren im Alpenraum sind nichts Neues. Der Klimawandel bringt jedoch viel Energie ins Naturgeschehen. Er macht sich speziell im Alpenraum durch eine stärkere Erwärmung bemerkbar und beeinflusst sowohl Temperatur- als auch Niederschlagsgeschehen auf eine Weise, die mehr Niederschlag in Form von Regen sowie in höherer Intensität zur Folge hat. Dies bringt eine neue unberechenbare Dynamik in die Oberflächenprozesse.
Das Ausmass und die Schäden der neuesten Ereignisse übersteigen oft die bisherigen Grössenordnungen. Bestehende Schutzbauten haben die jüngsten Verwüstungen nicht verhindern können, jedoch den Betroffenen einen zeitlichen Aufschub gewährt, um die Gefahrenzonen zu verlassen. Historisches Wissen und ingenieurtechnische Berechnungen sind in den Naturgefahrenkarten der Gemeinden zum Schutz der Bevölkerung und der Infrastrukturen vorhanden und seit den Unwetterereignissen 1987 im Alpenraum aufgrund neuer Erkenntnisse weiterentwickelt worden. Doch: Sie hinken der raschen Entwicklung instabiler Hänge nach. Die Dimensionen ‘Zeit’ und ‘mobilisierbare Massen’ kennzeichnen die neue Qualität der gefährlichen Prozesse. Auf diese müssen sich immer mehr Gemeinden in Berggebieten einstellen. Nicht zu Unrecht schreibt der Walliser Schriftsteller Wilfried Meichtry, es sei eine «Zeitenwende» im Gang, mit der Anmerkung, er schliesse als Bergler einen geordneten Rückzug aus gefährdeten Gebieten nicht kategorisch aus.
«Alpine Brachen» im neuen Kontext
Vor knapp 20 Jahren hat das ETH Studio Basel in seiner Studie zur urbanisierten Schweiz den Begriff «Alpine Brache» eingeführt und damit heftige Kontroversen ausgelöst, weil so bezeichnete Gebiete gesellschaftlich abgewertet wurden. Mit ‘Alpine Brachen’ sind im Alpenraum Gebiete bezeichnet worden, die aufgrund einer stetigen Ausdünnung durch Abwanderung der Wohnbevölkerung weder den Arbeitseinsatz noch die Energie aufbringen können, um lebensnotwendige Dienstleistungen, Infrastrukturen und den notwendigen Unterhalt des Kulturlandes aufrecht zu erhalten.
Heute nun erhält der Begriff unter der gegenwärtigen und zu erwartenden Bedrohungslage eine erneute Aktualität. Sie liegt in der Ungewissheit über die künftige Bewohnbarkeit kleinerer oder auch grösserer Teile unseres Alpenraumes. Während bisher sozioökonomische Gründe zu Entsiedlungen und aufgegebenem Kulturland führten, kommen nun erhöhte Naturgefahren dazu, die den Rückzug auch aus grösseren Gebieten veranlassen können. Besonders dort, wo schwache sozioökonomische Strukturen mit instabilen Umweltbedingungen zusammentreffen, wird ein Rückzug der Bevölkerung wahrscheinlicher.
Blatten zeigt uns alle Szenen einer Naturkatastrophe
Das Verschwinden des Dorfes Blatten lässt alle Szenen einer Naturkatastrophe exemplarisch erkennen. Der Bergsturz von Blatten (VS) vom 28. Mai 2025 ist zweifellos nicht nur für das Dorf, sondern für das ganze Lötschental eine Katastrophe. Der Hergang zeigt beispielhaft in einer szenischen Abfolge die steigende Bedrohung des Dorfes, die Evakuation von Menschen und Tieren, das zerstörte Tal mit den Folgegefahren und schliesslich vorerst eine heimatlose Bevölkerung, die sich emotional und rational mit einer völlig neuen Realität zurechtfinden muss.
Das kleine Nesthorn bröckelte schon lange und wird seit 1991 überwacht. Dieses Material fiel auf den unterliegenden Birchgletscher. Unter der Last der plötzlich ausbrechenden Felsmassen unter der Nesthornspitze, die auf den Gletscher stürzten, wurde der Auflagedruck auf das Gletschereis so gross, dass sich das Eis am Felsgrund löste und als Fels-, Eis- und Schlammlawine ins Tal stürzte. Das Sturzmaterial verschüttete grosse Teile des Dorfes und staute die Lonza zu einem See auf. Das Ganze passierte innerhalb von 11 Tagen. Der Zugang zum oberen Lötschental war verschüttet. Der mit Eis durchsetzte Schuttkörper und der dahinter entstehende See lassen mit steigendem Staudruck Ausbrüche von Wasser und in der Folge allfällige Murgänge talauswärts befürchten, was temporär weitere Evakuationen erforderte.
Dieser Bergsturz, lange angekündigt, beschleunigte sich in wenigen Tagen – alles traf zusammen und führte zur Katastrophe. Was hat die Menschen gerettet? Die Überwachung und die richtigen Entscheide des Krisenstabes. Doch kaum vom grössten Schock erholt, wird der Ruf nach dem Wiederaufbau des Dorfes laut, verbunden mit einer Willensdemonstration, die verlorene Heimat zurückzugewinnen. Doch die Gefahr ist nicht gebannt und der See und der Schuttkörper sind auf lange Sicht ein kaum zu bewältigendes Hindernis, um das herum sich das Tal und dessen Bewohner:innen neu organisieren müssen. So weicht nach einigen Monaten der Wunsch zum Wiederaufbau der ernüchternden Erkenntnis, dass nach diesem Ereignis realistischerweise an Ersatzbauten und Ersatzsiedlungen zu denken ist. Auch wenn dieser Ersatz möglich wird, stellen sich für die Betroffenen entscheidende Fragen: Wer bleibt im Tal und wer zieht weg? Und je länger die Ungewissheit über das Mögliche dauert, desto häufiger wird bei den Betroffenen auch eine Neuorientierung ein Thema.
Alpine Brachen entstehen auch dann, wenn sich eine Dorfgemeinschaft nach einer Katastrophe nicht mehr zusammenfinden kann, weil die persönliche Alltagswelt verschüttet oder nicht mehr zugänglich ist. Das beschreibt die Betroffenheit all jener Menschen und Familien, welche die Naturkatastrophen von Bondo 2017 bis Blatten 2025 zwar überlebt haben, aber in eine neue Realität geworfen und ihrer Heimat beraubt wurden.
Rettung, Hilfe und schwierige Entscheidungen
Jedes genannte Katastrophenereignis hat zwar seinen eigenen Verlauf, löst jedoch eine Abfolge von Handlungen aus, die je nach Schwere des Ereignisses subsidiär von der lokalen bis zur nationalen Ebene abgerufen werden können. Auch ad hoc eingesetzte Krisenstäbe unter Einbeziehung weiterer Spezialist:innen, wie das im Falle von Blatten mustergültig funktionierte, erzeugen für die Betroffenen eine unmittelbare Überlebens- und Lebenshilfe. In dieser Hinsicht ist die Schweiz gut organisiert und aufgestellt. Aufgrund der Erfahrungen, insbesondere in Brienz (GR) und Blatten (VS), stellen sich jedoch nach dem Ereignis Fragen, die über den Einzelfall hinausweisen und grundlegend sind: Fragen, die die Zukunft der betroffenen Orte, des verschütteten Tales oder die Gefährdung weiterer Gebiete als Sekundärfolge betreffen. Besonders auch dann, wenn die Häufung der Ereignisse wie in den Jahren 2024 und 2025 die materiellen Möglichkeiten der Gemeinden und auch der Kantone übersteigen.
Stellt man nach einem Katastrophenfall die Entscheidungen der Betroffenen als Individuen oder Gemeinschaft in den Mittelpunkt, dann werden Fragen aufgeworfen, auf die wir nur vermeintlich meinen, die Antworten schon zu kennen. Wie steht es um das Recht auf Heimat, wenn ein Wegzug nötig ist? Inwiefern besteht Anspruch auf Versicherungsschutz, wenn das noch unbeschädigte Objekt in der Verbotszone steht? Wie wird Landersatz garantiert, um eine neue Existenz aufbauen zu können? Und wer trägt die Kosten einer Evakuation oder einer Umsiedlung? Wird etwa das Verdikt, eine Rückkehr sei nicht mehr möglich, fallweise und nach unterschiedlichen Regeln gefällt, stellen sich Fragen der Rechtsgrundlagen und der Gleichbehandlung ein.
Vorausschauen ist gefragt
Es gibt gute Gründe, auf diese Fragen verbindliche Antworten zu finden. Spontane Solidarität der Schweizer Bevölkerung kann nicht genügen, wenn sich die Ereignisse häufen. Hohe Mittelversprechungen wie im Beispiel von Blatten können problematisch sein, wenn ihre Verwendung nicht klar geregelt ist. Schaut man auf weitere durch Bergstürze gefährdete Siedlungen im Wallis oder im Berner Oberland, so zeigt sich die Dringlichkeit und Notwendigkeit von rechtsverbindlichen Lösungsansätzen.
Mit dem alpinen Wasserhaushalt verändert sich der Lebensraum in den Alpen und in der klimatischen Abhängigkeit zwischen ‘unten’ und ‘oben’ erhalten die Berggebiete eine zusätzliche Bedeutung. So liegt es im Interesse der zunehmend hitzegeplagten städtischen Bevölkerung ebenso wie im wirtschaftlichen Interesse der Bergbevölkerung, Dauersiedlungsgebiete in höheren Lagen zu erhalten. Es wird zur Aufgabe der öffentlichen Planung, Rückzugsorte respektive Ersatzstandorte in der Nähe gefährdeter Gebiete vorzusehen, um potenziell Betroffenen rechtzeitig eine Perspektive zu geben, bevor deren Wegzug zum Thema wird.
Ich danke meinem Kollegen Hans Kienholz für seine wertvollen inhaltlichen und redaktionellen Beiträge.