Jelena Kalbermatten, Ferden GR (© M. Volken)
Was bleibt, wenn man alles verliert
Der Bergsturz in Blatten hat mir und 300 weiteren Personen von einem Moment auf den anderen die Heimat genommen. Ich bin in Blatten aufgewachsen, war im Dorf in Vereinen aktiv und wollte dort eine Wohnung bauen und leben. Nach dem Bergsturz kündigte ich meinen Job als Radioredakteurin, zog weg und kam wieder zurück.
Für diesen Artikel habe ich eine Carte Blanche bekommen. Ein weisses Blatt, das ich mit meinen Gedanken füllen darf, wie ich will.
Eine solche Carte Blanche bekam ich vor einem Jahr auch für mein Leben. Alles wurde wegradiert. Mein Zuhause war zerstört, Pläne ausgelöscht. Ich musste neu beginnen.
Trotz dieser grenzenlosen Möglichkeiten hielt ich mich zunächst an dem fest, was blieb: an den Menschen aus dem Dorf, an Familie, Freunden und dem Job. Erstaunlicherweise aber nicht an den wenigen Gegenständen, die mir blieben. Das Jäckli, das ich am Tag des Bergsturzes trug, hängt heute zwischen anderen Kleidern. Es fühlt sich nicht anders an. Ein paar Mal hielt ich auch den Pulli in der Hand, den meine Mama noch eingepackt hatte und wollte irgendetwas fühlen. Aber es passierte nichts.
Als erste Fundgegenstände zurückgegeben wurden, wünschte ich mir, dass auch etwas von mir dabei ist. Und tatsächlich bekam ich ein Leinwandfoto zurück. Ich freute mich. Aber es steht heute einfach wieder irgendwo an einer Wand – wie vorher. Mein geliebtes Bike, meine fast schon heiligen Skier: ersetzt. Und sie fahren sich genauso gut.
Der Abschied vom Materiellen fiel mir überraschend leicht.
Verloren gegangen ist etwas anderes. Das Gefühl von Zuhause. Durch ein Dorf zu gehen und jede Ecke zu kennen. Manchmal habe ich das Gefühl, ein Teil meiner Leichtigkeit ist verloren gegangen. Es fällt mir schwerer, auf fremde Menschen zuzugehen. Früher war das selbstverständlich. Heute ist es manchmal einfacher, still zu sein.
Der Verlust zeigt sich auch im Kleinen. Wenn man zu wenig Platz hat, um etwas zu verstauen. Wenn ich nicht finde, was ich suche, weil es im ständigen Hin- und Herzügeln und in den Miet- und Übergangswohnungen keinen festen Platz hat. Ich sehne mich danach, alles wieder in meinem Zimmer einzuräumen. Für jedes Ding seinen Platz zu haben, an den es hingehört und von dem es in den nächsten Jahren auch nicht mehr wegmuss. Meine Eltern haben im Lötschentaler Dorf Ferden einen Bauplatz gekauft. Ich stelle es mir als eine riesengrosse Erleichterung vor, wenn unsere Familie in das neue Haus einziehen kann. Der Moment, in dem ich mich in mein Bett legen kann und weiss, hier kann ich bleiben. Nicht als Übergang, nicht für eine Saison, nicht für die Ferien. So lange ich will. Vielleicht kommt mit diesem Moment auch ein Stück Leichtigkeit zurück.
Eine Perspektive zu haben, hilft mir. Auch wenn sie im Moment nicht in Blatten ist.
Ob ich zurückwill, fragen viele. Das kann ich auch nach einem Jahr noch nicht beantworten. Ich möchte zurück. Zurück in das Blatten, das wir hatten. Aber auch wenn die Wiederaufbaupläne voranschreiten, weiss niemand, wie es dereinst in diesem neuen Blatten sein wird. Wer kehrt zurück? Schaffen wir es, den Dorfzusammenhalt, den wir hatten, am Leben zu halten, bis ein neues Blatten steht? Und werden wir diesen neuen Häusern unseren alten Dorfgeist einhauchen können? Kann man Heimat neu bauen?
Der Wiederaufbau bringt Fragen mit sich, auf die es noch keine Antworten gibt. Wer bekommt welchen Bauplatz? Wer hat Vorrang? Die Einheimischen? Was ist mit Zweitwohnungsbesitzern? Mit jenen, die kein Eigentum hatten, aber hier aufgewachsen sind? Die Herausforderung wird sein, im Gespräch zu bleiben. Einander zuzuhören. Sich nicht zu verlieren, bevor ein neues Dorf entsteht.
Ich selbst wollte weit weg nach dem Bergsturz. Für die Wintersaison zog ich nach Davos. Ich liebte die Stadt mitten in den Bergen mit all ihren Möglichkeiten. Ich genoss das Zusammensein mit den anderen Skilehrerinnen und fühlte mich auf Zeit genau am richtigen Ort aufgehoben. Meine Gedanken kreisten nicht mehr um Blatten. Es war nicht wie im Wallis, wo ich tagtäglich immer wieder an den Bergsturz erinnert wurde. Doch mit der Zeit schlich sich Blatten wieder ein. Als mein Bruder mit zwei unserer Blattner Nachbarn auf Besuch war, merkte ich wieder, wie gut es tut, mit jemandem zu sprechen, der genau weiss, wie es mir geht und wie es in Blatten war. Die Gespräche mit Blattnerinnen und Blattnern sind anders. Ehrlich. Unkompliziert. Ohne Mitleid, ohne Erklärungen und ohne unangenehme Stille. Auch wenn sie manchmal schmerzen, sie tun gut.
Auch wenn es das Dorf, das uns verbunden hat, nicht mehr gibt, gibt es etwas, das uns alle verbindet: Wir haben das Gleiche erlebt. Obwohl die Geschichten individuell sind, haben wir alle dieses Grössere verloren, was immateriell ist. Das Gefühl, welches man in Blatten hatte. Die Heimat. Denn diese ist auch für jene verschwunden, deren Haus noch steht. Diese Verbundenheit im gemeinsam Verlorenen gibt Halt.
Aber was ist Heimat? Haben wir sie wirklich verloren? Oder ist da noch was? Heimat ist für mich ein Ort, an dem ich mich wohl, geborgen und sicher fühle. Der Ort, mit dem ich tausend Erinnerungen verbinde. Schöne, peinliche, schmerzhafte und lustige Momente. Ein Ort, an dem ich jede Ecke kenne. In dem ich die Menschen kenne und die Menschen mich kennen. Ein Ort, an den ich zurückkehren, tief ein- und ausatmen und sagen kann, ich bin zu Hause. Der Duden definiert Heimat als Land, Landesteil oder Ort, in dem man [geboren und] aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt (oft als gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit gegenüber einer bestimmten Gegend).
Haben wir nun also unsere Heimat verloren? Zu einem grossen Teil: Ja. Der Ort unserer Kindheit ist weg. Aber er ist nicht ganz verschwunden. Alphütten und Weiler und viel Natur sind noch intakt. Auch mit diesen Orten verbinden wir Erinnerungen. Zudem kommt aus der Duden-Definition heraus, dass ein Ort Heimat werden kann. Ein Ort, an dem man sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt. Das heisst, es braucht Zeit. Wir müssen uns einleben. Aber es kann auch ein neuer Ort zu Heimat werden, wenn man offen dafür ist.
Ob das ein neues Blatten sein wird, eines der benachbarten Dörfer im Lötschental oder ein anderer Ort, lasse ich offen. Aber eines ist mir durch meine Zeit in Davos bewusst geworden: Im Wallis ist noch viel Heimat übrig. Seit meiner Rückkehr, versuche ich auch in Ferden Heimat zu sehen. Und das klappt ein Stückchen besser.
Manchmal fehlt mir die Sonne, die in Blatten länger scheint. Der Blick, den ich kannte. Aber ich versuche, anderes zu schätzen. Und irgendwie fühle ich wieder ein bisschen Heimat im Lötschental. Nicht vollkommene Heimat, wie ich sie kannte. Ein unfertiges Gefühl, aber nicht ein verlorenes.
Nach dem Bergsturz war ich mir sicher, ein solches Heimatgefühl, wie ich es in Blatten kannte, werde ich nie mehr haben. Heute habe ich wieder Hoffnung. Ich glaube, Heimat ist nicht ganz verloren gegangen. Sie ist zerbrochen – und wir können sie neu für uns aufbauen.
Redaktion: Elena Arnold