Gottschalkenberg ZG (© M. Volken)
Franz Böni – Der vergessene Alpenschriftsteller
In den 1980er-Jahren erzählte der Schweizer Schriftsteller Franz Böni eine andere Schweiz: ein Land aus Transitwegen, Fabrikhallen und Bergpässen. Über ein fast vergessenes Werk, und die spezielle Rolle des Wanderns.
In Franz Bönis Roman Alle Züge fahren nach Salem (1984) hält der Protagonist Nowak an einer Stelle bewusst Abstand zu einer vor ihm gehenden Wandergruppe. Von der «Hektik der Stadt geprägt» verstehe diese nicht, was es mit dem Wandern eigentlich auf sich habe. Richtige «Wanderer erkennt man daran, dass sie keine Wanderschuhe, keinen Wanderstock haben», denn «der echte Wanderer zieht nur mit jenen Schuhen los, die er tagaus, tagein trägt». Nowak weiss von was er spricht. Er selbst sei nämlich seit Jahren «in den Falten des Gottschalkenberges unterwegs, um die Seele des Wanderns zu finden».
Der Zuger Gottschalkenberg ist mit seinen 1186 Metern über Meer nicht gerade ein Gipfel alpiner Erhabenheit, und es schwingt in den zitierten Zeilen durchaus Ironie mit gegenüber einer helvetischen Freizeitkultur samt ihren «Sonntagswanderer mit roten Kniesocken und Kniebundhosen». Wenn sich Böni im selben Buch zudem als «Spaziergänger und Flaneur» verortet, schreibt er sich wenig subtil in eine literarische Tradition ein. Doch steckt in dieser Passage mehr als Ironie oder blosse Attitüde des Autors als Aussenseiter. Denn das einsame Wandern durch die Schweiz ist für Böni tatsächlich der zentrale Modus literarischer Erkundung, weil sich das soziale Gefüge und Gefälle des Landes nur in einem Gehen neu vermessen lässt, das beim Alltag selbst ansetzt: bei jenen Schuhen, die man tagaus, tagein trägt.
Die Rollen der Alpen
Die Alpen nehmen in Bönis Schreiben eine zentrale, wenn auch paradoxe Rolle ein. Einerseits trifft man in seinen Texten auf so ziemlich jede alpine Region der Deutschschweiz, auch solche, die literarisch anderswo kaum Beachtung finden: Die Reisen in Alle Züge fahren nach Salem führen beispielsweise ins Urserental, nach Urnäsch, über den Pragelpass und «jede Woche einmal über den Gottschalkenberg». Die Alpen sind bei Böni zudem auch dort omnipräsent, wo man sie nicht erwarten würde. Erzählt er vom Winterthurer Tösstal oder vom Zürcher Oberland, fühlt man sich als Leser:in wie in einem Bergdorf. Folgt man etwa der Figur Hans Appert, der in der Kurzgeschichte Spinnerei Sennhof durch ein Winterthurer Industriequartier streift, sieht man sich auf «den unglaublich steilen Weg» zur Tössebene versetzt. Und in einer Erzählung aus Ein Wanderer im Alpenregen (1979) thront das Zürcher Schnebelhorn über einem dystopischen Arbeitslager, als befände man sich im Hochgebirge.
Andererseits bleiben die Alpen unzugänglich, zumindest hinsichtlich der ihnen im Schweizer Selbstverständnis zugeschriebenen Rolle. In Die Alpen (1983) rät Nowak einem Gastarbeiter aus der Türkei von der Arbeit auf der Baustelle des Gotthard-Strassentunnels ab, denn die Arbeit sei gefährlich und «es sei sehr kalt, es gebe hohe Berge». Nowak selbst bekundet später, in seinem Leben noch «nie auf einem Berg gewesen» zu sein, wie auch, koste eine einzelne Fahrt mit der Bergbahn doch so viel wie der Tageslohn eines Fabrikarbeiters. Diese Verneinung der positiven Alpenerfahrung findet sich auch in der titelgebenden Erzählung aus Ein Wanderer im Alpenregen. So will die Zwei-Tages-Wanderung im Grenzgebiet zwischen St. Gallen und Zürich nicht wie geplant gelingen: Sie dauert länger als vorgesehen, in der Hütte findet bis spät in die Nacht ein lärmendes Fest statt, auf dem Frühstückstisch wurde erbrochen, und der Wanderer landet schliesslich auf der Suche nach Schutz vor dem Regen in der Behausung eines Sennen, dessen Dialekt er nicht versteht.
Verfremdung durch Vergrösserung
Die Kommunikation mit der Natur und der lokalen Kultur wird in solchen Passagen konsequent verweigert. Die alpinen Gegenden erscheinen hier vielmehr als ‚locus terribilis’, der wenig mit dem Alpenidyll gemein hat. Es liegt nahe, hier an Thomas Bernhard oder an Kafka zu denken. Beide haben sichtbar Einfluss auf Böni ausgeübt, Letzterer als Vorlage für ein Erzählen, das überall auf autoritäre Figuren trifft und das die Hilflosigkeit gegenüber absurden, undurchsichtigen Strukturen in etwas Bedrohliches verwandelt. Allerdings, und das ist das bis heute Lesenswerte an Bönis Erzählungen, gibt es darin eine Eigenheit in der literarischen Auseinandersetzung mit den Alpen und deren kulturellen Bedeutung, die sich so sonst nirgends in der Literatur findet.
Bönis Modus der Verfremdung ist eine umfassende Ausdehnung der alpinen Schweiz. Das betrifft nicht nur Städte, die zu Berggebieten werden, sondern auch aufgeblähte Topographien und Lebenswelten, die zugleich grösser und enger wirken als die realen. Im Kanton Graubünden spricht man in mehreren der Erzählungen eine Fremdsprache, die einer slawischen Sprache gleichen soll. Und in Hospiz (1980) besteigt der Protagonist in der Frühe einen Zug in Silenen, um nach unzähligen Stunden Fahrt durch Tunnels, Berge und Hügel irgendwann in einer Hafenstadt namens Faro zu landen. Später scheitert sein Weg nach Chur. Denn die Fernbusse, die in Bönis vergrösserter Schweiz neben den Zügen zentrales Verkehrsmittel sind, fahren nur einmal pro Tag. Dann liegt auch noch Schnee auf den Pässen, sodass nur die Hoffnung auf «Schmuggler» bleibt, die «mit ihren Fuhrkarren nach Chur» fahren würden.
Vermessung der Schweizer Arbeitslandschaft
Die Ortsnamen, die in den Texten fallen, sind manchmal real, manchmal fiktiv und manchmal, wie im Fall von Faro, zwar real, aber geographisch unkenntlich versetzt. Wichtiger als die Verortung in der Realität ist ohnehin, was sich in der fiktiven Welt abzeichnet. Wenn die Schweiz, so Peter von Matt, dem Alpenmythos entgegen das «Land der Pässe, des internationalen Verkehrs, des Güteraustauschs» sei, dann ist Böni jener Schriftsteller, der diese Einsicht literarisch durchgehend ernst nimmt: Er zeichnet eine verfremdete Schweiz, die aus nichts anderem als Verkehr, Güteraustausch und dem Transport von Arbeiter:innen über Tunnel und Pässe hinweg zu bestehen scheint. Immer und überall durchziehen Strassen und Eisenbahnlinien Bönis Bergwelten, und immer wieder dienen sie vor allem einem Zweck: dem Weg von der einen Produktionsstätte in die andere.
Faro etwa ist ein «hässliches Nest mit einer riesigen Raffinerie und anderer Industrie», umgeben von «verrosteten Schienenfahrzeugen», Stahlwerken, Schiffsanlagen und einem Kalibergwerk. Es ist eine (fossile) Industrielandschaft, in der ununterbrochen gearbeitet wird. Doch diese Arbeit produziert bei Böni nicht den Reichtum des Landes, sondern verarmte Arbeiter:innenquartiere, Perspektivlosigkeit und Monotonie. Sichtbar wird Letzteres etwa in den wiederkehrenden Tätigkeiten der Protagonisten in der Logistik (etwa in Schlatt [1979]) oder in der Textilindustrie (etwa in Die Wanderarbeiter [1981]). Arbeit besteht hier, in kafkaesken – und meist nicht am Meer, sondern in Bergtälern gelegenen – Industrieanlagen, aus repetitiven Handgriffen unter sadistischen Vorgesetzten, die die entwurzelten Menschen arm und krank zurücklassen.
Wandern als literarischer Modus
In dieser verfremdeten und den Protagonisten stets auch entfremdeten Arbeits- und Lebenswelt nimmt das Wandern eine eigentümliche Doppelrolle ein. Als Freizeitvergnügen scheitert es regelmässig: sei es, weil die Finanzen nicht reichen, weil die Bergbahnen nicht fahren oder aber weil man wie in Schlatt im Schneesturm endet. Gleichzeitig ist das Wandern bei Böni aber doch ein Erkenntnismodus. Im eigenwilligen Rhythmus seiner Protagonisten verändert es das Tempo gegenüber der Umgebung und macht so deren Absurditäten sichtbar. Wer sich nicht im Strom der Verkehrswege bewegt und den Berg nicht im Gleichschritt der sportlichen Wandergruppe erklimmt, erfährt etwas über das Land, durch das er geht.
Damit bietet sich das Wandern auch abseits der Berge als Wahrnehmungsform an, etwa auf den «Wanderungen durch die Strassen von Aussersihl und Kalkbreite» (Alle Züge fahren nach Salem). Dass diese städtischen Wanderungen primär durch die (Zürcher) Arbeiter:innenquartiere führen, ist kein Zufall. Die Schweiz ist bei Böni immer Arbeitslandschaft. Das führt am Ende nochmals zurück zu Nowaks Suche nach der «Seele des Wanderns». Diese meint hier keine romantische Chiffre, sondern die Fähigkeit, ein Land im Gehen zu begreifen, das von Transitwegen und Arbeitserfahrung geprägt ist. Die Schuhe, die man beim Erkunden dieser Welt trägt, sind deshalb die alltäglichen, weil es eben dieser literarisch oft unsichtbare Alltag ist, den Böni vermisst: ein Alltag aus Fabrikschichten, Fernbussen und Bahnlinien, der die alpinen Bergtäler nicht weniger durchzieht als das Zürcher Aussersihl. Dass Böni dafür eine eigene Poetik gefunden hat, ist Grund genug, ihn wiederzuentdecken: Seine Texte laden zu Erkundungen ein, die noch heute aktuelle Fragen über das Arbeitsland Schweiz aus den Alpen herauslesen.
Redaktion: Elena Arnold