Als Uri im Giftnebel versank – ZU BESUCH BEI der Ausstellungsmacherin Chiara Gisler im Historischen Museum Uri
Das Redaktionsteam von Syntopia Alpina besucht die Sonderausstellung «Vernebelt, Verdrängt, Vergessen? – Die Giftgaskatastrophe in Uri von 1940-1945». Chiara Gisler beleuchtet darin ein dunkles und beinahe in Vergessenheit geratenes Kapitel der Geschichte und erläutert, warum Erinnern so wichtig ist.
Während des Zweiten Weltkrieges und in Folge der Réduit-Strategie unter General Henry Guisan wurde Uri Schauplatz unzähliger «Giftnebel»-Übungen. Ihr angeblicher Zweck: Die Schweiz im Falle eines Luftangriffes zu schützen. Wie sich später herausstellte, waren die Militärmanöver jedoch Teil eines vom Bund genehmigten Chemiewaffenprogramms. Ob das Militär und dessen Funktionäre von der schädlichen Wirkung des mit Perchlornaphtalin angereicherten Nebels wussten, ist unklar. Fest steht allerdings, dass sie sich weder umfassend über die giftige Substanz informierten noch einen toxikologischen Befund angeordnet hatten, bevor sie grosse Mengen davon im Kanton Uri freisetzten. Das hatte verheerende Auswirkungen. So starben insgesamt 13'962 Nutztiere von über 1'200 Bauern. Die Urner Landwirte und ihre Familien erlitten dadurch erhebliche wirtschaftliche und finanzielle Schäden, die in der Folge bei vielen Betroffenen auch zu psychischen Erkrankungen führten. Zudem verursachte der Nebel körperliche Beschwerden. Mehrere Quellen berichten von tränenden Augen, Hautausschlägen, Chlorakne und Magenproblemen bei Menschen.
Die partizipative Ausstellung
Obwohl das Ereignis aus wissenschaftlicher Perspektive bereits verschiedentlich aufgearbeitet wurde, ist es bei den Urnerinnen und Urnern – geschweige denn beim Schweizer Volk – kaum präsent. Diese Tatsache diente Chiara Gisler als Ausgangspunkt für die Konzeption ihrer Ausstellung. Im Rahmen ihres Geschichtsstudiums an der Universität Bern entschied sie sich dazu, nicht nur eine klassische Masterarbeit zu verfassen, sondern eben auch ein öffentliches Format zu realisieren. Sie wollte zusätzlich zu einer schriftlichen Arbeit, die nach erfolgreichem Abschluss lediglich in der Pultschublade ihres Betreuers und schliesslich im Universitätsarchiv verstaubt, die «Nebelkühe» aus den Archiven herausholen und in den öffentlichen Raum bringen. Im Gespräch betont sie: «Mein Ziel war es, das Thema einer breiten Bevölkerung zugänglich zu machen. Das Historische Museum Uri bot dafür einen geeigneten Rahmen sowohl aufgrund der vorhandenen Infrastruktur als auch wegen der hohen lokalen Präsenz des Kulturhauses.»
Die durchwegs partizipativ angelegte Ausstellung umfasst zehn Stationen, die chronologisch durch den Raum führen. Dabei werden die unterschiedlichen Aspekte der Vernebelungskatastrophe historisch aufgearbeitet, kritisch hinterfragt und spielerisch vermittelt. So haben Besucher:innen beispielsweise zu Beginn der Ausstellung das Gefühl, eine Bergbeiz zu betreten. Die erste Station besteht nämlich aus einem rot-weiss gedeckten Tisch mit nicht zueinanderpassenden aber ausgesprochen heimeligen Holzstühlen. Auf dem Tisch befindet sich ein eigens von Gisler entwickeltes Kartenspiel rund um das Thema Réduit und Chemiewaffenprogramm. Dadurch wird der historische Kontext, in welchem die Katastrophe stattfand, je nach Wissensstand entweder neu erlernt oder wieder aufgefrischt.
Besonders eindrücklich ist ebenfalls der inszenierte Stall in der Mitte des Ausstellungsraumes. Darin werden die Folgen der Vernebelung mithilfe von Bildmaterial und Requisiten illustriert. Das historische Leid wird durch die eigene Unbehaglichkeit, welche beim Betreten vom Stall unweigerlich zum Vorschein kommt, intensiviert. Da nur die Vorderseite aus Holz gebaut wurde und das Dach sowie die Seitenwände mit einem weissen Tuch abgedeckt sind, hat man das Gefühl, selbst im dichten Nebel zu stehen. Man nimmt das Geschehen um sich herum nicht wahr und fühlt sich dadurch sinnbildlich mit den Nebelkühen verbunden.
Vergessen – und Erinnern
Zahlreiche Quellen schildern die verheerenden Ausmasse der Giftgaskatastrophe in Uri und berichten von unendlichem Schmerz – und doch ist das Ereignis aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Auf die Frage nach dem Warum antwortet die Ausstellungsmacherin: «Das ist nicht abschliessend zu beantworten. Woran sich Gesellschaften erinnern, hängt von viele Faktoren ab.» Chiara Gisler wird konkret: «Dass die Vernebelungskatastrophe kaum erinnert wird, dürfte auch daran liegen, dass die Armee den Vorfall lange verschwieg, da er nicht in das von ihr propagierte Narrativ einer wehrhaften und geeinigten Schweiz passte.» Die Ausstellung bildet also einen zentralen Schritt in diesem Erinnerungsprozess. Sie hilft dabei, das Ereignis sichtbar zu machen.
Unsichtbares sichtbar zu machen, ist für Chiara Gisler in mehr als einer Hinsicht ein grosses Anliegen. So stellt sie bewusst auch die Arbeit der Urner Bäuerinnen während des Zweiten Weltkriegs und insbesondere im Umgang mit der Giftgaskatastrophe ins Zentrum ihrer Ausstellung. Denn: Obwohl die historischen Dokumente die Frauen meist übergehen, lag es an ihnen, die Tiere nach der Vernebelung zu versorgen. Ihre Männer waren im Aktivdienst und weit weg von Haus und Hof.
Ebenfalls lässt Chiara Gisler stets die Betroffenen selbst zu Wort kommen. Dies entweder in Form von Zitaten, die überall im Ausstellungsraum zu lesen sind oder in Form eines Zeitzeugin-Interviews, welches über ein altes Telefon zu hören ist. «Tatsächlich konnte ich während den Vorbereitungen nur eine Zeitzeugin ausfindig machen. In den wenigen Wochen seit Ausstellungsbeginn haben sich allerdings noch weitere Personen gemeldet, die die Katastrophe miterlebten. Ich werde mit allen Kontakt aufnehmen, da ihre Geschichten es verdient haben, gehört zu werden!», weiss die Ausstellungsmacherin zu berichten.
Skandal – oder Katastrophe?
Die herausragende Stärke der Ausstellung besteht in der Teilhabe am Gedankenprozess von Chiara Gisler. So erläutert sie während unseres Gesprächs, dass sie sich bewusst für den Begriff «Katastrophe» entschieden hat, um das Ereignis zu benennen. Denn im Unterschied zum «Skandal», welches den Fokus auf die Schuldigen lenkt, fokussiert die «Katastrophe» nicht nur die weitreichenden Folgen des Ereignisses, sondern auch die Betroffenen selbst. Dadurch wird der Fokus einmal mehr bewusst auf das Erinnern von Unsichtbarem gerichtet.
Diese Reflexion ist fester Bestandteil der Ausstellung und kann von den Besucher:innen auch kritisch hinterfragt werden. Über verschiedene Formate können an den zehn Stationen immer wieder eigene Geschichten, Erfahrungen und Meinungen geteilt werden.
Die Sonderausstellung «Vernebelt, Verdrängt, Vergessen? – Die Giftgaskatastrophe in Uri von 1940-1945» kann noch bis zum 14. Oktober 2026 im Historischen Museum Uri besucht werden.