Oeschinensee BE (© M. Volken)
Gesunde Alpen und alpine Gesundheit
Die Schweizer Alpen werden seit vielen Jahrhunderten mit heilsamen Kräften in Verbindung gebracht. Gerade die alpine Luft soll gesundheitsfördernd wirken – so sehr, dass sie sich in den vergangenen Jahren gar zum internationalen Verkaufsschlager entwickelte. Doch wie kam es dazu?
Eine kuriose Geschäftsidee schaffte es 2017 in die Schlagzeilen Deutschschweizer Medien. Die 20 Minuten titelte: «Start-ups verkaufen Dosenluft an Chinesen». Die Onlinezeitung zentralplus berichtete über die Versorgung «smoggeplagter Chinesen» mit «Alpenbrisen durch Schweizer Unternehmen». Für bis zu 82 Franken pro Liter verkauften Firmen wie Pure Swiss Air, Swissbreeze oder Mountain Air Zermatt abgepackte Luft, um diese über den halben Erdball Luftbedürftigen zu liefern (Mathis 2017 und Knüsel 2017). Die Geschäftsidee fusste nicht nur auf dem Stereotyp verseuchter «Chinesischer Luft», sondern auch auf einer bald 200-jährigen Geschichte einer als heilsamen und einzigartigen vermarkteten Alpenluft – die in den 1940er-Jahren gar Bestandteil Schweizerischer Staatspolitik wurde. Von der ökonomischen, touristischen und politischen Erfolgsgeschichte der gesundmachenden Alpen erzählt dieser Artikel.
Seitdem Rigi, Matterhorn und co. eine zunehmende internationale Anziehungskraft entwickelten und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Reiseboom rege Bautätigkeiten an Eisenbahnen, Alpenhotels und «Grand Hotels» erfolgten, lockte die Schweizer Bergwelt nicht nur Abenteuerlustige und ein wohlsituiertes Bürgertum, sondern auch Kranke und Verletzte aus aller Welt an (Swissinfo.ch 2016). Die verkehrstechnische Erschliessung der Alpen ermöglichte zeitgleich den Ausbau medizinischer Infrastrukturen in den abgelegensten Bergdörfern. Schweizer Kurorte warben mit sauberer Luft, frischem Quellwasser, wohltuender Sonneneinstrahlung sowie genereller Ruhe abseits städtischer Geschäftigkeit.
Zusätzlich unterstützen Theorien wie die vom deutschen Arzt Hermann Brehmer vertretene These der Existenz «tuberkuloseimmuner» Orte die Idee gesundheitsfördernder Höhenlagen (Dettling 2005, S. 109–111 und Schürer 2017). Entgegen der wissenschaftlichen Umstrittenheit eigneten sich Kurorte, Heilstätten und Ärzte diese Theorien an, um sich im aufkommenden internationalen Gesundheitstourismus strategisch geschickt zu positionieren (vgl. bspw. Ritzmann 2010, S. 61f.). Beispielsweise verhalf unter anderem die «Frischluftliegekur» – stundenlanges Sonnenbaden in der frischen Alpenluft – trotz zweifelhafter Behandlungserfolge Davos zu Weltruhm als Tuberkulose-Kurort. Das Zusammenspiel aus romantisierter Alpenwelt, florierendem Tourismus und der entdeckten (oder erfundenen) alpinen Gesundheitskraft machten die Schweiz so zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum vielleicht beliebtesten Kurland der Welt.
Nebst ökonomischen und touristischen Vereinnahmungen wurden die schweizerischen Zauberberge auch politisch instrumentalisiert. Die von der Schweizerischen Verkehrszentrale SVZ (heute: Schweiz Tourismus) in Zusammenarbeit mit den Bundes- und Privatbahnen, den Schifffahrtsunternehmen, der Post, den Automobilverbänden, der Luftverkehrsunion und dem Hotelerieverein herausgegebene Zeitschrift DIE SCHWEIZ ist an der Schnittstelle dieser drei Ebenen anzusiedeln. 1934 als SVZ Revue gegründet, 1936 in DIE SCHWEIZ umbenannt und seit 2009 als Wandermagazin Schweiz bekannt, stellt die von der historischen Forschung weitestgehende unbeachtete Zeitschrift mit ihren eindrücklichen Naturfotographien und pathetischen Begleittexten eine Fundgrube für Alpenfreaks dar (Zehnder 2016). Bereits die sechste Ausgabe widmete sich 1936 dem Thema «Heilung». Grosso modo wurden die Alpen als Gegenräume zur industriell-urbanen Moderne dargestellt. Gemäss dem zivilisationskritischen Zeitgeist fragte ein Autor: «Wer atmet frei und unbeengt in den dunsterfüllten, rauchigen grossen Städten?» (o.V. 1936, S. 13)
Ideologisch war die Zeitschrift ein widersprüchliches Versatzstück aus lebensreformatorischer Zivilisationskritik, technologischem Fortschrittsoptimismus, einer bürgerlichen Romantisierung der Natur sowie einem für die 1930er und 40er-Jahre typischen idealisierten Heimatbild. Kurz: Die Schweiz wurde als gelungene Symbiose des technologischen Fortschritts mit der alpinen Naturbelassenheit, als friedliches Sport-, Konsum- und Gesundheitsparadies dargestellt. DIE SCHWEIZ pries die Gesundheitselemente Licht-Luft-Wasser an, beleuchtete Sportarten wie Gymnastik oder Fussball, berichtete über moderne Badeanlagen oder das Davoser «Forschungsinstitut für Höhenphysiologie und Tuberkulose».
Explizit politisch wurde die 1942 veröffentlichte Sonderausgabe Heilende Schweiz, 1943 in englischer Fassung als Switzerland – Fountain of Health veröffentlicht. Im Vorwort erklärte Herausgeber Armin Meili, dass dem Ausland gezeigt werden soll, «wie die Schweiz der leidenden Menschheit helfen will und helfen wird», da das Land in seiner «internationalen Berufung […] keine höhere Leidenschaft, als die Pflege der Menschlichkeit» kenne. Meili war Nationalrat und Direktor der Landesausstellung 1939, einer der Höhepunkte der Geistigen Landesverteidigung. Die Heilende Schweiz bezeichnete er explizit als direkte Fortführung der Landi (Meili 1942).
Das Programm der Geistigen Landesverteidigung sollte nicht nur innenpolitisch die Wehrbereitschaft steigern, sondern auch aussenpolitisch das Land in ein positives Licht rücken. Dies war hinsichtlich einer drohenden internationalen Isolation der Schweiz nach einem näher rückenden Kriegsende auch dringendst geboten: Die offizielle Schweiz musste ihre Öffnung gegenüber der internationalen Gemeinschaft vorbereiten, um touristisch, wirtschaftlich und politisch nicht abgehängt zu werden. Mitten im Zweiten Weltkrieg propagierte die Heilende Schweiz trotz Parallelen zur nationalsozialistischen Überhöhung von «Leibesübungen» und einer naturnahen Heimatstilisierung friedvolle Bäder und Berge anstelle von Blut und Boden. Die von Meili heraufbeschworene «Berufung» der Schweiz, die Weltgemeinschaft zu heilen, wurde in den Artikeln zivilisationskritisch und spirituell überhöht: «Mit dem Wechsel des Ortes, mit dem Wechsel von der Tiefe zur Höhe entbinden wir uns vom Staub des Alltags, sagen wir uns los von den krankmachenden Tieflandverhältnissen. … Die Blume wird wieder Blume, der Berg wird zur Erkenntnis, das Leben zum Erlebnis: der Mensch wird wieder Mensch.» (Hiltbrunner 1942, S. 44)
Die Schweizer Neutralität, welche von den Alliierten während und nach dem Zweiten Weltkrieg zunehmend als Deckmantel für Geschäfte mit den Achsenmächten angesehen wurde, musste mit dem Bild einer heilsamen, humanitären Schweiz konterkariert werden. Zur Auflösung der internationalen Isolation und zur Legitimierung der politischen Sonderstellung stützte sich der Bundesrat nach 1945 auf die Vorstellungen einer humanitären und heilsamen Schweizer Friedens- und Gesundheitsinsel. Aussen- und innenpolitisch wirksam wurden während und nach des Zweiten Weltkrieges zehntausende Kriegsversehrte, Verletzte und Kranke zur Kur und Internierung in der Schweiz aufgenommen. Die Heilsamkeit der Berge wurde zum politischen Pflichtprogramm: um den «Fremdenverkehr» anzukurbeln und um die humanitäre Hilfe und den internationalen politischen Sonderstatus zu rechtfertigen.
Obwohl heute die Vorstellung eines Schweizerischen Gesundheitsparadieses nicht mehr pathetisch propagiert wird, ist die Vorstellung der Einzigartigkeit der Schweizer Alpen mit ihren Kräutern, Gewässern und Lüften immer noch wirksam. Die abgepackten Alpenbrisen sind historisch gesehen weniger eine Kuriosität, als vielmehr Beispiel einer zeitgenössischen Aneignung der Alpen, die sich seit Jahrhunderten für verschiedenste künstlerische, touristische, ökonomische oder politische Zwecke instrumentalisieren lassen. Inzwischen sind die Alpen selbst zur Marke geworden und als Marketingelemente von Ricola, Toblerone oder Valser kaum mehr wegzudenken. Bis heute machen Alpenprodukte die Natur konsumier- und konservierbar – und im Optimalfall sogar ein wenig gesünder.
Redaktion: Elena Arnold