Hörstück «Klänge des Anthropozän»: Dem Moor und Eis zuhören – INTERVIEW MIT...
Eine Klangreise zum Rhonegletscher und zu Moorlandschaften im Misox: In «Klänge des Anthropozän» machen Sarah Heinzmann und Noah Pilloud Klimaveränderungen hörbar und sprechen mit Expert:innen vor Ort. Das Audio-Feature wurde durch die Stiftung Radio Basel finanziert und mit dem Förderpreis katalysatOHR ausgezeichnet.
Ein Gespräch von Aline Stadler mit den beiden Journalist:innen.
(Aline Stadler): In eurem Feature «Klänge des Anthropozän» habt ihr schmelzende Gletscher und bröckelnde Berge akustisch eingefangen – und damit die Klimakrise als Hörerlebnis erfahrbar gemacht. Was reizte euch an dieser sinnlichen Herangehensweise?
(Sarah Heinzmann): Die Klimakrise ist keine Informationskrise: Wir wissen seit Jahrzehnten, was uns als Menschheit droht. Das ist sehr gut dokumentiert und erforscht. Trotzdem scheint die Klimakrise ein fernes Phänomen zu sein: Entweder fern in der Zukunft, oder fern an anderen Orten. Wir befinden uns aber mitten in der Krise, sowohl zeitlich als auch geografisch. Vielleicht hat sich dieses Bewusstsein zwar durch den Felssturz in Blatten verändert – doch selbst dies wurde als Umweltphänomen naturalisiert. Wir wollten diese Verluste aufzeigen und dafür einen sinnlichen Zugang wählen; eine erweiterte Darstellungsart zu den Zahlen und Fakten, mit denen man meist über die Klimakrise spricht. Eine Form, die Raum für Trauer lässt.
(Noah Pilloud): Die Klimakrise als Phänomen lässt sich schlecht in ihrer gesamten Tragweite erfassen. Häufig tendieren wir deshalb dazu, mit auf Fakten und Zahlen fokussierten Ansätzen, die Klimakrise rein rational begreifen zu wollen. Wir wollten hier bewusst eine sinnliche Erfahrung ins Zentrum setzen, durch die Verbundenheit entstehen kann und die eine Form des Körperwissens ermöglicht.
(AS): Mit Mikrofonen im Gepäck seid ihr an verschiedene alpine Hotspots der Klimakrise gereist, um dort Veränderungen aufzunehmen und mit Expert:innen vor Ort zu sprechen. Welcher Aufenthalt, oder welche Begegnung, war besonders eindrücklich für euch?
(SH): Eines Morgens haben wir Tonaufnahmen gemacht, unmittelbar unter dem Unteraargletscher. Durch den Rückzug des Gletschers entsteht ein gut erreichbares, weites Vorfeld – eine surreal schöne Landschaft, die wir beide direkt ins Herz geschlossen haben. Als die Vormittagssonne auf den Gletscher schien, kamen Steine erst ins Rutschen, dann ins Rollen; ein richtiges Crescendo. Dass der Gletscher im Sommer schmilzt und Steine aufs Vorfeld spuckt, hat an sich wenig mit der Klimakrise zu tun. Aber in diesem Ausmass ist es schon etwas Neues, auch etwas Unbehagliches.
(NP): Der Aufenthalt beim Unteraargletscher und seinem Vorfeld war definitiv etwas Besonderes. Mir sind dabei auch die Gespräche mit den Leuten der Hüttenkommission des SAC Zofingen in Erinnerung geblieben. Wir haben sie zufällig auf der Lauteraarhütte getroffen und sie haben uns erzählt, wie sie beim Instandhalten der Zugangswege ständig vor neuen Herausforderungen stehen. Starkregenereignisse im Sommer nehmen zu und der schmelzende Gletscher hinterlässt eine instabile Felsflanke. Eine Leiter, die vom Rand des Gletschers zur Hütte führt, muss alle zwei Jahre um mehrere Meter verlängert werden.
(AS): Auch befindet ihr euch im Hörstück im Juni 2025 für mehrere Tage auf dem Gorner- und Grenzgletscher und lauscht dem schmelzenden Eis – dem Tröpfeln, Rumoren, Säuseln. Welche Erfahrungen habt ihr dabei persönlich gemacht?
(NP): Es war eine sehr intensive Erfahrung: Körperliche Anstrengung wechselte sich ab mit längeren Phasen, in denen wir gelauscht haben und so eine Verbindung zur Landschaft aufbauen konnten. Diese Phasen waren für den Körper entspannend, aber emotional aufwühlend. Und dann war da der Sicherheitsaspekt, der bei jeder Entscheidung an erster Stelle stand. Das alles hat zu einem intensiven und auch sehr schönen Erlebnis beigetragen.
(SH): Es war wunderschön, mehrere Tage an diesem Ort verbringen zu dürfen, die Landschaft intimer kennenzulernen. Gleichzeitig wuchs ein Bewusstsein für die Fragilität dieses Ortes: Alles ist in Bewegung.
(AS): Im Feature fängt ihr ein, was am Verschwinden ist. Inwiefern war es euch wichtig, den Verlust zu thematisieren?
(NP): Wir wollten die Klimakrise als Phänomen sinnlich erfahrbar machen. Verlust kann Teil davon sein, wobei dieser als Prozess schwierig zu fassen ist – wir haben es entlang der Moore versucht, in denen die Insekten zunehmend verschwinden.
(SH): Es wäre schade, wenn der Gletscher eines Tages weg ist, und niemand hätte sich die Mühe gemacht, ihn klanglich aufzunehmen. Unsere Arbeit hat auch eine archivarische Motivation. Zudem geht es darum, Präsenz zu finden inmitten des Verlusts; auch die Trauer anzuerkennen, mit der diese Prozesse verbunden sind. Zuhören ist eine Methode, Präsenz zu finden in der Begegnung mit dem Gegenüber, sei es mit einem Menschen oder einer Landschaft.
(AS): Und ihr folgt auch neuen Lebensräumen, wie sie etwa in Gletschervorfeldern entstehen…
(SH): Verlust lässt auch Raum für Neues zu. Wo sich der Gletscher zurückzieht, entsteht neues Leben. Das kann auch als Metapher für die Gesellschaft gesehen werden. Das soll jedoch nicht heissen, dass die Klimakrise als Chance gesehen werden soll und das am Ende alles gut wird. Um die Denkerin Donna Haraway, die für uns sehr wichtig war, zu zitieren: Aufgewirbelte Zeiten quellen über von ungerechten Mustern, von Schmerz und Freude. Unsere Aufgabe besteht auch darin, eine Praxis des Lernens zu entwickeln, die es uns ermöglicht, miteinander gut zu leben und zu sterben.
(NP): Wir wollten die Veränderungen nicht allzu sehr in ein einfaches moralisches Bewertungsschema einordnen. Ich glaube, Ethik spielte bei uns insofern eine Rolle, als wir Gefühle von Fürsorge und Trauer ermöglichen wollten. Das kann gelingen, indem wir uns auf die Landschaften und Ökosysteme einlassen, um sie zu verstehen. Indem wir uns mit ihnen verwandt machen, wie es Donna Haraway ausdrückt.
(AS): Die inzwischen 81-jährige Donna Haraway, eine Ikone im Anthropozän-Diskurs, kommt am Ende des Hörspiels zu Wort und liest aus ihrem Buch «Staying with the Trouble». Wie war das für euch, mit ihr zu telefonieren? Inwiefern prägt die US-amerikanische Denkerin eure Auseinandersetzung mit dem Klimawandel?
(SH): Haraway war sehr wichtig für uns – ihren Appell, sich in unruhigen Zeiten weder in eine Zukunft, noch in eine Vergangenheit zu flüchten, haben wir uns zu Herzen genommen. Es war sehr schön und berührend, sie am Ohr zu haben.
Redaktion: Aline Stadler
Hörstück «Klänge des Anthropozän»