Altdorf UR (© M. Volken)

Altdorf UR (© M. Volken)

Altdorf UR (© M. Volken)

Die Provinz in mir

Wie ein Zugvogel wechselt auch der Mensch seinen Lebensraum, wenn dieser nicht mehr seinen Bedürfnissen entspricht. Doch was passiert, wenn das geborgene provinziell-alpine Nest gegen die Hoffnungen und Träume eingetauscht wird, die nur urbane Zentren erfüllen können? Graziella Tarelli erzählt eine Geschichte von Aufbruch und Rückkehr – und von Heimat.

Vor vier Jahren bin ich nach Basel gezogen, um Literatur zu studieren. Die Erzählung, über die ich seitdem am meisten stolpere, ist die meiner provinziell-alpinen Herkunft. Wo ich herkomme – Altdorf im Kanton Uri, geographisch und teils auch ideologisch eingegrenzt von hohen Bergwällen –, folgt mein Aufenthalt in der Stadt einer eigenen, vor allem ökonomisch und zeitlich bestimmten Logik. Die Frage, wann (nur selten „ob“) ich permanent in den Kanton Uri zurückkehre, weht mir bei jedem Heimatbesuch stärker entgegen. Der Auszug, das Studium wird gedeutet wie die weiten Kreise eines jungen Wanderfalken, der schlussendlich mit Beute im Schnabel wieder in seiner felsigen Heimat landet und sich zum Standvogel mausert.

Während vielen Sommern verwaltete sich ein Schwarm Kinder in meiner Strasse mehrheitlich selbst: draussen spielend, höchstens beaufsichtigt von einem älteren Bruder, der meist zu mehr Unsinn anstiftete als er verhinderte; Beizug eines Erwachsenen wirklich nur, wenn sich jemand ernsthaft wehgetan hatte. Soweit ich dies heute beurteilen kann, wurden die Eltern niemals dafür kritisiert. Vielmehr bestätigte sich darin, was über unser Umfeld erzählt wurde. Das Dorf, der Kanton waren äusserst sicher, da äusserst ländlich – ein von Bergkränzen behütetes Nest. Schlimme Dinge passierten Kindern nur in der Stadt, wo man sie stets mit Adleraugen verfolgen muss.  

Ein Jungvogel muss jedoch flügge werden. Spätestens mit der Entscheidung „Sekundarschule oder Gymnasium“ bot sich der erste Blick über den Nestrand hinaus. Die beiden Bildungswege wurden wie folgt dargelegt: Wer die Sekundarschule besucht, macht später eine Berufslehre in einem hiesigen Betrieb und steht so spätestens mit 16 im Dienst der Lokalwirtschaft. Die Entscheidung fürs Gymnasium hingegen antizipiert die Abkehr von der heimatlichen Provinz. Wer den akademischen Weg wählt, weitet seine Schwingen und zieht aus Uri weg. Diese Entscheidung ist zugleich auch eine Art Klassenbekenntnis. Ein:e waschechte:r Urner:in ist Arbeiter:in. Ein:e waschechte:r Urner:in braucht keine akademische Bildung, die gezwungenermassen aus der Stadt kommen muss. Ein:e waschechte:r Urner:in hat vielleicht weniger Bücher auf dem Nachttisch, dafür beide Krallenfüsse in der echten Welt. Ein:e waschechte:r Urner:in wird schnell erwachsen und lernt etwas Rechtes, das direkt vor Ort gebraucht werden kann. Wir provinziellen Akademiker:innen hingegen sind Spätblüher:innen. Unsere Pubertät beginnt erst, wenn wir den Kanton für eine Universitätsstadt verlassen, wo wir endlich erwachsen werden können. Diese Flucht in die Stadt ist eine verlockende Vorstellung für Küken vom Land, die ihr Revier noch nicht ausgelotet haben. Wir schwingen uns also hinab von den Bergspitzen in die Häuserschluchten, wo Krähen und Tauben regieren. 

Und obwohl die Schweiz so klein und so unglaublich gut erschlossen ist, dass das Urbane fliessend ins Ländliche übergeht, wird ein klarer Bruch erzählt: Stadtvögel leben in der Stadt und tun städtische Dinge, die sich grundlegend unterscheiden von den ländlichen Tätigkeiten der Landvögel, die auf dem Land nisten. Schnittmengen zwischen diesen zwei Welten gibt es scheinbar nicht. Und doch bin ich noch nicht zur Haustaube geworden; zirkuliere weiterhin zugvogelartig zwischen Reusstal und Rheinebene. Obwohl ich in beiden Gegenden gleichermassen (nicht-)sesshaft bin, gibt es auch für mich ein provinzielles Davor und ein urbanes Danach. 

„Kannst du dir denn vorstellen, wieder in Uri zu leben?“ Das höre ich fast jedes Mal, wenn ich meinen geographischen Lebenswandel erkläre. In der Stadt mag die Frage der Unterhaltung oder dem simplen Interesse dienen. Werde ich dasselbe auf dem Land gefragt, glaube ich jedoch, darunter gezwitscherte Töne zu vernehmen. In der Urner Vorstellung der Studienzeit ist sie Testgelände für Persönlichkeiten, Lebensmodelle, Weltbilder. Man soll sich alle möglichen Federn abstossen, die jugendlichen Unarten exorzieren. Danach kehrt man bitteschön zu einem ganzen, gefestigten und produktiven Menschen gemausert zurück in die Provinz. Dabei ist das Narrativ der Optimierung und der Profitsteigerung wörtlich gemeint. Die Bildung, die ich erhalten habe, wird gelesen wie unzählige kleine Ästchen, die ich nun brav ins kollektive Nest zurücklegen soll. Darin höre ich vor allem Angst vor dem „Braindrain“, dem langsamen Erodieren des Nests durch das Fortbleiben der Jungvögel nach ihrem Studium, aber auch Angst vor der Konfrontation mit dem, was sie fernhält. Aber ich glaube nicht, dass den Fortbleibenden die heimatlichen Provinzen egal sind; zumindest ist es mir meine nicht. Der Herkunftsort gleicht diesbezüglich der Herkunftsfamilie. Da ist eine tiefe Verbundenheit, ja eine Liebe, aber zugleich Unsicherheit, ob man es nochmals unter demselben Dach aushält.

Und wie geht die Geschichte vom Wanderfalken nun aus? Sogleich erklingt in meinem Kopf eine Kakophonie an Erwartungen, bei denen ich nicht weiss, wer sie überhaupt stellt und ob sie nicht einfach meinen eigenen Vorurteilen entspringen. Die Vorstellung der Rückkehr erweckt den bitteren Beigeschmack einer persönlichen Niederlage: „Schaut, sie hats in der grossen Stadt zu nichts gebracht, deshalb flieht sie zurück in die Vergessenheit.“ Aus Trotz lese ich die imaginäre Rückkehr manchmal einfach als gross angelegte Feldstudie: „Eigentlich bin ich gar keine Provinzlerin wie ihr, sondern Ornithologin, nur hier zum Beobachten.“ So sehr ich mir aber das Verbleiben ausserhalb der Provinz als meine freie Entscheidung vorzustellen versuche, drängen sich mir Zweifel auf. Realistisch gesehen sind die Arbeitsplätze im Kulturbereich generell, aber insbesondere in der Provinz, eher spärlich gesät. Vielleicht lebe ich schlussendlich einfach da, wo ich überhaupt von meiner Bildung leben kann. Oder ich forme mein Fortbleiben zum Falkenschrei: So lange ihr nicht in der Lage seid, ein artengerechtes Habitat dafür zu schaffen, bleibt dieses Brain weit weg von eurer ausgetrockneten Ödnis. Dass ich trotzdem jedes Mal einen Moment innehalte, wenn am Zugfenster die Berge über dem Vierwaldstättersee auftauchen, kann ich genauso wenig abstreiten, wie dass mich die Lokalpolitik auch 150 Kilometer entfernt den Kopf schütteln lässt. 

Eines ist klar – die Provinz in mir ist laut und doch unter tausend Dorfgeschichten kaum auszumachen. Sie ist das, wozu sie gemacht wird, auch wozu ich selbst sie mache; deshalb ist sie immer alles, was ich an ihr liebe, und alles, was ich an ihr hasse, zugleich. Als Literaturstudentin, aber auch als Mensch, ist es ein Automatismus, all die Geschichten über die Provinz in mich aufzunehmen. Über die Jahre hat sich aus diesen Erzählsträngen eine Sammlung an Ästchen, Halmen und anderen Nestbaumaterialien gebildet. Und egal ob ich mich damit schlussendlich hochalpin oder zutiefst urban einniste, steht da am Ende doch immer ein Spiegel, in dem ich mich selbst als Kind sehe – barfuss auf dem warmen Asphalt meiner Quartierstrasse.

Redaktion: Elena Arnold