Malser Haide, Vinschgau BZ/I (© M. Volken)

Laas, Vinschgau BZ/I (© M. Volken)

Wichlenbach, Elm GL (© M. Volken)

Diavolezza, Pontresina GR (© M. Volken)

Safien Platz, Safiental GR (© M. Volken)

Bolle di Magadino, Locarno TI (© M. Volken)

FOKUS WASSER: Wasser ist Kultur – Oder wie der Klimawandel die aktuelle Wassernutzung im Alpenraum in Frage stellt.

Diesen Sommer waren die Auswirkungen des Klimawandels deutlich zu spüren – besonders evident war dabei die Wasserknappheit. Die austrocknenden Alpen zerstören allmählich die Illusion, Wasser sei eine unendliche Ressource. Aber wie ist mit dem knappen Gut umzugehen? 

«Ski fahren im Sommer: Das traurige Ende einer Skiära», titelt die FAZ im August 2026. Denn erstmals in der Geschichte des europäischen Wintersports gibt es im gesamten Alpenraum kein Gletscherskigebiet mehr, an dem der Betrieb während der Sommermonate noch möglich wäre. Der Klimawandel setzt den Eisriesen mittlerweile so stark zu, dass selbst die Präparierung von Skipisten nicht mehr kaschieren kann, dass ein tiefgreifender naturräumlicher Wandel stattfindet, der weit über unsere Freizeitgestaltung hinausgeht. Vielmehr wird unsere gesamte Wasserwirtschaft in Frage gestellt.

Das Wasserschloss Europas – auf dem Weg zur Dürreruine?!

Für die europäischen Alpen galt lange Zeit die Überzeugung, dass es Wasser in ausreichenden Mengen gibt, da die hohen Bergkämme zu deutlich mehr Niederschlag führen und Wasser in Form von Eis und Schnee gespeichert wird. Die ganzjährigen Abflüsse speisen wiederum die großen Flüsse und tragen zur Versorgung großer Teile des europäischen Kontinents bei. Doch diese Sicherheit bröckelt zunehmend aufgrund der immer weiter steigenden Temperaturen. Der Klimawandel lässt die hochalpinen Wasserspeicher schmelzen. Gewohnte Niederschlagsmuster verändern sich grundlegend. 

Doch wie gehen wir gesellschaftlich mit diesen tiefgreifenden naturräumlichen Veränderungen, insbesondere mit dem sich verändernden Wasserhaushalt, um?

Die räumliche Manifestation technokratischer Wasserkulturen – im Vordergrund das Staubecken Latschau des Lünerseewerks, im Hintergrund das Skigebiet «Hochjoch, Silvretta Montafon», Vorarlberg (Österreich). © Carlotta Sauerwein-Schlosser

Der gesellschaftliche Umgang mit Wasser

Im europäischen Kontext neigen wir dazu, Wasserprobleme technisch zu lösen. So setzen wir in der Landwirtschaft auf Bodenfeuchtigkeitsmessungen und Tröpfchenbewässerung, um den Wasserverbrauch zu reduzieren. Im Wintertourismus statten wir Skigebiete mit Speicherteichen und Schneekanonen aus, um für Schneesicherheit zu sorgen. In der Energieerzeugung verbauen wir hochalpine Täler und Flüsse, um die Energiewende voranzutreiben. 

Wasser ist ein stark reglementiertes Gut und wird als Geldressource gehandelt, sei es als Basis für Erträge in der Landwirtschaft, für jährlich wiederkehrende Skigäste oder für Gewinne auf dem Energiemarkt. 

Wassernutzungskonflikte

Das beschreibt aber nicht ausschließlich unser gesellschaftliches Verhältnis zum Wasser. In der «Wasserlandschaft» der Alpen sind noch zahlreiche weitere Akteure mit ausgeprägtem Problembewusstsein aktiv, die die Verhandlung gegenwärtiger und zukünftiger Wassernutzungen an raumgreifende Fragen knüpfen. An zahlreichen Orten, etwa im Kaunertal in Tirol, Österreich, protestieren Bürgerinitiativen gegen den Ausbau von Wasserkraftwerken. Pläne zum Bau von Speicherbecken, wie sie im französischen Wintersportort La Clusaz in der Haute-Savoie vorliegen, werden von Umweltverbänden rechtlich bekämpft. Im Gespräch mit diesen Akteurinnen und Akteuren des Widerstands wird deutlich: Es geht ihnen nicht allein um den Schutz einer seltenen Pflanzen- oder Tierart oder darum, Unmut darüber zu äußern, dass sie Bauprojekte vor der eigenen Haustür ertragen müssten. Vielmehr schreiben sie Wasser Bedeutungen zu, die über den Wert als finanzielle Ressource hinausgehen. 

«Unser Wasser» – Widerstand lokaler Bürgerinitiativen gegen den Ausbau des Kaunertaler Kraftwerks in Tirol (Österreich).  © Carlotta Sauerwein-Schlosser

Problemwahrnehmungen

Der Obmann einer Wassergenossenschaft sieht, wie sich die Gletscher zurückziehen. Er trägt die Verantwortung für die Trinkwasserversorgung im Dorf und macht sich Sorgen, wie er dieser Verantwortung zukünftig gerecht werden kann. Der Landwirt im Nachbartal weiß, dass seine Kühe das klare Wasser des Seitenbachs dem schaumigen Schmelzwasser des Gletscherabflusses vorziehen. Der Vorschlag, eben jenes Schmelzwasser im Ausgleich für die Ableitung des Nebenarms zu nutzen, macht ihn – quasi stellvertretend für seine Kühe – wütend. Die Kajakfahrerin aus der nächstgrößeren Gemeinde hingegen spürt, wie es dem Fluss geht, auf dem sie mit dem Boot unterwegs ist. Für sie ist der Fluss eine lebendige Persönlichkeit. Die Aktivistin der lokalen Bürgerinitiative, 400 km Luftlinie entfernt, verfolgt wiederum seit Jahren, wie in ihrer Gemeinde Millionen in den Ausbau der technischen Beschneiung investiert und die umliegenden Berge zur Baustelle werden. Ihrer beider Kritik fußt auf den bekannten negativen Folgen für aquatische Ökosysteme und auf dem wahrgenommenen Verlust des gesellschaftlichen Bewusstseins für den natürlichen Zustand des Wassers.

Bedeutungszuschreibungen an Wasser

Für alle vier ist Wasser vor allen Dingen ein natürliches Gut und essenzielle Lebensgrundlage. Aus diesen Bedeutungszuschreibungen entstehen – zu den technokratischen Problemlösungsvorschlägen teils konträre – Visionen darüber, wie die energiewirtschaftliche und touristische Nutzung der Täler und Berge in Zukunft aussehen könnte. 

So unterschiedlich diese Wahrnehmungen und Einschätzungen auch sind, so sind sie doch Indiz für die enge Verbundenheit, die wir Menschen mit Wasser in vielerlei Hinsicht haben. Im Verbund mit technischen Infrastrukturen in Form von Leitungen, Pumpen und Dämmen sowie mit Gesetzen und Verfahren zur Bestimmung der Wassermengen, die für Nutzungszwecke entnommen werden dürfen, können die unterschiedlichen Wassernutzungen in der Landwirtschaft, im Tourismus und in der Energiewirtschaft als tiefgründige, kulturelle Praktiken verstanden werden, die sich in die Landschaften des Alpenraums regelrecht eingeschrieben haben. Unter dem Einfluss des Klimawandels werden diese sich räumlich manifestierenden «Wasserkulturen» jedoch fluide. Gegenwärtige Wassernutzungspraktiken stehen zur Verhandlung.

Wasser ist Kultur

Was im Kontext der Energieerzeugung aus Wasserkraft und der technischen Beschneiung vielleicht im ersten Moment schwerfällt, nachzuvollziehen, wird gegebenenfalls leichter, wenn man sich den traditionellen Bewässerungspraktiken zuwendet, wie man sie bei uns in den Alpen noch vielerorts (überwiegend touristisch) entdecken kann. 2023 wurde die traditionelle Rieselbewässerung als immaterielles Kulturerbe der Menschheit von der UNESCO anerkannt. Das detaillierte Wissen darüber, wie eine Landschaft bewässert werden muss, um möglichst gute Erträge zu erzielen, die engmaschige Organisation in Form von Wässergemeinschaften sowie strenge, turnusartige Regelungen über den genauen Bewässerungszeitraum haben das Leben der Menschen in den Alpentälern über Jahrtausende geprägt. Die Bewässerung ist somit zum Alltag der Menschen geworden und hat sogar Einzug in die Sprache gehalten, wie Redewendungen wie «a Readl mianonnder reidn» aus dem Vinschgau in Südtirol zeigen («Readl» = kurze Bewässerungszeit; auf gut Deutsch: «kurz miteinander reden»). 

Eine empfehlenswerte Ausstellung im VUSEUM in der Ortschaft Schluderns «Wasser Wosser», die in die naturräumlichen Notwendigkeiten, das technische Know-how und die gesellschaftliche Organisation einführt, bringt es auf den Punkt: «Wasser ist Kultur.» 

Also: Im Sinne eines Kulturauftrags sollten wir als Gesellschaft folglich die Bewahrung des natürlichen Wasservorkommens ernst nehmen und insbesondere auch der Vielfalt der Stimmen Gehör verschaffen, die klare Visionen mit sich tragen, wie die «hydrosozialen Zukünfte» unserer Alpen aussehen können, in denen Wasser nicht ausschließlich zur steuerbaren Ressource degradiert wird. 

Redaktion: Elena Arnold

Holzlose zur Bestimmung der Reihenfolge der Bewässerungszeiten. In jedes Los ist die Hausmarke eines Hofs eingekerbt. Aufnahme entstanden im Vintschger Museum in Schluderns. © Carlotta Sauerwein-Schlosser

Die Beziehungen zwischen Gesellschaft und Wasser werden in der Humangeographie mithilfe der Ansätze der Sozialen und Politischen Ökologie untersucht. Diese beschränken sich nicht darauf, Wasser und damit zusammenhängende Umweltprozesse quantitativ zu erfassen. Vielmehr verstehen sie das Verhältnis von Wasser und Gesellschaft als wechselseitigen Prozess, in dem sich soziale, kulturelle und materielle Bedingungen gegenseitig beeinflussen und hervorbringen. 

Konzepte wie das der «Wasserkultur» (Ipsen et al. 1998), der «waterscape» (Swyngedouw 2009) oder der «hydrosocial territories» (Boelens et al. 2025) erlauben, strukturelle Ungleichheiten sichtbar zu machen, die Handlungsmacht involvierter Akteure und Aktanten zu untersuchen und räumliche Entwicklungsprozesse in ihren vertikalen und horizontalen Dimensionen zu analysieren.

Boelens, Rutgerd / Hommes, Lena / Hoogesteger, Jaime / Swyngedouw, Erik / Vos, Jeroen / Wester, Philippus (2025): Hydrosocial territories: imaginaries, materialities, and struggles over knowledge, order and meaning. In: Water International 50 (5), S. 426–462.

Ipsen, Detlev / Cichorowski, Georg / Schramm, Engelbert (Hgs.1998): Wasserkultur. Beiträge zu einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Analytica. Berlin.

Schrahe, Christoph: Ski fahren im Sommer: Das traurige Ende einer Skiära. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). 20.08.2026. Online: https://www.faz.net/aktuell/reise/alpen-erstmals-seit-50-jahren-kein-skifahren-mehr-im-sommer-accg-201132702.html [Abruf am 28.08.2026].

Swyngedouw, Erik (2009): The Political Economy and Political Ecology of the Hydro-Social Cycle. In: Journal of Contemporary Water Research & Education 142, S. 56–60.

VUSEUM – `s Vintschger Museum: Dauerausstellung Wasser Wosser. 2021. Online: https://www.vuseum.it/wasserwosser [Abruf am 28.08.2026].