Blüemlisalpfirn UR (© M. Volken)

Tiefengletscher UR (© M. Volken)

Etzlibach UR (© M. Volken)

Furkareuss UR (© M. Volken)

Reuss bei Flüelen UR (© M. Volken)

FOKUS WASSER: «Äs phiätet. Äs dänkt. Äs länkt» – von den Kräften des Urner Wassers

Uri ist kein Randgebiet der Wasserfrage – Uri ist ein Ort des Ursprungs und Verschwindens. Zwischen schmelzenden Gletschern, sprudelnden Quellen und gezähmter Reuss verdichten sich Mythos, Management und die Frage, in welcher Beziehung wir zum Wasser stehen. Und zur Zukunft.

«Die Menschheit wird irgendwann um das Wasser kämpfen», sagt Robi Imhof. Der Älpler sitzt auf seiner Baberg-Alp im Urner Isenthal, 1’780 Meter über Meer. Sein Shirt: tarnfarbig. Sein Cap: ozeanblau. Die Prognose: düster. Man müsse grüner werden als der grünste Grüne. Doch dazu sei niemand bereit. Im Gegenteil: «Der Mensch will immer mehr und wird dabei irgendwie selbst anders.» Jetzt sucht und findet man Trost … in Robis Gesicht. Da sind Lachfalten, und die erzählen vom unaufgeregten Glück, humorvoll zu sein und zufrieden. Zuhause.

Imhofs Porträt ist im Buch «Das letzte Eis» erschienen. Die Publikation schlägt eine Brücke von Alaska bis in den Alpenraum und befragt, wie das Schmelzen der Gletscher die herkömmliche Lebensweise der Menschen bedroht. Dass Uri darin auftaucht, ist stimmig. Das Land am Gotthard ist nicht nur mythologischer Ausgangspunkt der Schweiz und reich an Traditionen, sondern zugleich «Wiege der Wasser» sowie Teil eines Erfahrungsraumes, der vom Klimawandel geprägt wird. Auch hier verlieren die Gletscher ihr Versprechen vom ewig-frostigen Speicher. Der Hüfifirn, der Brunnifirn, der Chelengletscher … sie alle schwinden in schwindelerregendem Tempo. 

Durstige Kühe am Berg

Der natürliche Rhythmus von Eiszeiten und Zwischeneiszeiten ist im Zuge der Industrialisierung aus dem Takt geraten. Auch der Fluss erzählt davon: Besonders im Hochsommer wird reichlich Schmelzwasser frei, die Reuss ganz trüb vom vielen Gesteinsmehl. Dann stehen die Menschen auf der «Ryysboogäbriggä» hinter der Gotthard-Raststätte und staunen über die Gletschermilch, die unter ihren Füssen durchfliesst. Verflüssigte Vergangenheit neben dem Rauschen der Moderne. Man muss sich das vor Augen führen: Ein Teil des Eises, das heute schmilzt, flockte als Schnee vom Himmel, als Säumer mit Maultieren Salz, Getreide und Seide über den Pass trugen. 

Mit dem Abschmelzen der Gletscher steigt das Risiko, dass das Wasser im Alpgebiet andere Wege geht, einzelne Quellen versiegen. Und weil der «Schnee, Schnee, Schnee» längst nicht mehr so regelmässig fällt, wie zu Danioths Zeiten, gibt’s auch weniger Schneeschmelzabflüsse. Es wird trockener. Wenn auf einer hochgelegenen Weide dann plötzlich kein Wasser mehr kommt, steht der Mensch wie die Ziege am Berg … mit all seinen Kühen. Eine jede davon trinkt bis zu 120 Liter am Tag. – Und jetzt? Wasser mit der Seilbahn hochtransportieren, mit dem Helikopter? Das wurde schon gemacht, mag für kurze Zeit funktionieren. Nachhaltig ist es nicht. Also steigt in den Alpen die Dringlichkeit, Gedanken und Geld in die Vernetzung der Wasserversorgung fliessen zu lassen.

Petra Schmocker-Fackel, die stellvertretende Chefin der Abteilung Hydrologie des Bundesrates für Umwelt (BAFU), rät: «Bei Alpwirtschaften und Hütten sollte vermehrt mit Tanks und Teichen zur Wasserspeicherung gearbeitet werden. Ausserdem gilt es, den Anstieg des Wasserverbrauchs grundsätzlich zu bremsen.» Uri, fügt sie an, sei punkto Wassernutzung und -Versorgung nicht ihr grösstes Sorgenkind. Hier gibt es grosse künstliche Reservoire und natürliche Seen. Wie dieses Wasser in Trockenperioden bewirtschaftet und bereitgestellt werden kann, muss frühzeitig geklärt werden, im gesamten Alpenraum. Hinzu kommt: Zum drohenden, bedrohlichen «Zuwenig» gesellt sich auch ein gefährliches «Zuviel».

Gewässer: Gabe und Gefahr zugleich

Die Klimaerwärmung treibt den alpinen Wasserkreislauf an. Starkniederschläge werden häufiger. Und wenn’s kommt, kommt es immer öfters mit Wucht – als Sturzregen, der in den stutzigen Bergflanken abfliesst und in Bächen und der Reuss zu Hochwassern führt. Da die Nullgradgrenze die Felsen weiter nach oben klettert, werden auch immer grössere Teile des Kantons beregnet statt beschneit. In der Folge fliesst mehr Wasser direkt ab, gerade, wenn der Boden vorher trocken war. Kurz: Die Gefahr von Überschwemmungen steigt und lässt die Kraft des Wassers, die dem Menschen schon wohlvertraut ist, noch mächtiger werden. Der Reuss verlieh sie gar ihren Namen: «Mit dem Namen Rigusia (oder Riusia), was ‘Die Mächtige’ heisst, bezeichneten [die Kelten] die wohltägige und zerstörende, die schenkende und entreissende Kraft, die den die Berge herunterstürzenden Wasserläufen innewohnt.», so Josef Schurtenberger im Buch «Die Reuss».

Die Urner Hochwasserchronik reicht zwar nicht bis zu den Kelten, aber immerhin bis ins Hochmittelalter zurück. Sie erzählt so manch zerstörungsreiche Geschichte. Die Gefahren des Klimawandels damit zu relativieren, ist genauso verlockend wie töricht. Sinnvoll hingegen ist’s, sich an das eine zu erinnern, ohne das andere zu verharmlosen. Sich bewusst zu machen, dass die Natur-Beziehung der Menschen in Uri von tiefer Verbundenheit, aber auch vom unerbittlichen Kampf geprägt ist. Zu romantische, liebliche Naturvorstellungen sind hier fehl am Platz; trotz Purpur-Enzian, Weidenröschen und Apollofalter. Es gilt, die Zeichen der Zeit ernst zu nehmen, sich auf extremere Bedingungen vorzubereiten, Massnahmen einzuleiten.

Autobahnabschnitte als Abflusskorridor

Ein folgenschweres Hochwasser, das noch heute vielen Urner:innen in den Knochen steckt, ereignete sich 1987. Nach einigen Tagen anhaltender, intensiver Niederschläge waren die Zuflüsse der Reuss angeschwollen, überschwollen. Der Fluss hat sich an seine ursprüngliche Wildheit und Wege erinnert, ist ausgebrochen: Strassen, Brücken, Eisenbahnstrecken, Häuser, Scheunen, landwirtschaftliche Flächen … alles zerstört! In der Folge wurden zahlreiche Massnahmen ergriffen, um den Hochwasserschutz in der Region zu verbessern. Mitunter fiel auch die Entscheidung, dass künftig ein Autobahnabschnitt als Abflusskorridor dienen soll. Moderne Wasserpolitik als hybrides Arrangement aus Beton und Strömung. Die A2 – ein Flussbett auf Zeit. Bei erneuten Überschwemmungen im Jahr 2005 hat sich gezeigt: Es funktioniert!

Alexander Imhof war bis 2024 Vorsteher des Amts für Umwelt und arbeitet heute als selbständiger Berater in Umwelt- und Verwaltungsfragen. Seit über 35 Jahren beschäftigt er sich mit Gewässerschutz-Themen. Imhof ist überzeugt: «Wenn wir die Gewässer schützen, schützen wir zugleich uns selbst.» Zu diesem Schutz gehöre auch: Wieder mehr Raum geben. Also nicht nur Asphalt im Ausnahmezustand, auch natürlichen Lebensraum im Normalfall. Petra Schmocker-Fackel vom BAFU doppelt nach: «Ökologisch intakte Gewässer können den Klimawandel besser verkraften und dabei die vielfältigen Ansprüche der Gesellschaft erfüllen. Bäche, Flüsse, Seen und Grundwasservorkommen müssen in einem möglichst naturnahen Zustand gehalten oder in diesen überführt werden.» Und es pressiere! Sie wünsche sich für alle Gebiete in den Alpen eine regionale Wasserressourcenplanung, die die Bedürfnisse der Nutzungen und der Umwelt gut miteinander in Einklang bringe. 

Urner Hochwasser von 1987 © ETH-Sammlung

Alles eine Frage der Beziehung

Etwas Spannendes zum Thema «Bedürfnisse der Gewässer» geschieht derzeit auf dem politischen Parkett. Am anderen Ende des Vierwaldstättersees nämlich macht die «Reuss-Initiative» von sich reden. Ihr Initiativkomitee hat 5'460 beglaubigte Unterschriften bei der Regierung eingereicht und im Sinne der wachsenden, internationalen «Rights of Nature»-Bewegung gefordert, dass einige Gewässer als anerkannte Rechtssubjekte in die Verfassung aufgenommen werden, fortan in ihrem Namen geklagt werden kann. Bei Verschmutzung, bei Übernutzung. Die Reuss, so Initiant Markus Schärli, wurde bewusst zur Namensgeberin auserkoren: «So wird sie – als kraftvoller, dynamischer Fluss aus den Alpen – in Luzern zur Vorkämpferin.»

Vielleicht ist der Ansatz, in einem Fluss ein lebendiges Gegenüber zu sehen und nicht bloss Objekt und Ressource, weniger revolutionär als er im ersten Moment klingen mag. Vielleicht findet er auch im Mutterland der Reuss einen kraftvollen Echoraum. Zumal die Menschen in Uri früher über ein magisches Denken mit der Natur verbunden waren. Womit wir beim berüchtigten, nicht fassbaren «Äs» landen: Einem animistischen Etwas, das draussen in den Bergen waltet, denkt und lenkt («Äs phiätet. Äs dänkt. Äs länkt»). Wir lesen im Buch «Der Goldene Ring über Uri» des Arztes und Ethnografen Eduard Renner von ihm. Das «Äs» kommt auch vor im Dokumentarfilm «Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich auch nicht schuld, dass wir da sind» von Fredi M. Murer. Und in der Text- und Bildsammlung «Adieu – Altes Uri» wird gemunkelt, die Elektrifizierung der entlegensten Täler und die Abendunterhaltung aus der Flimmerkiste habe den Nächten nicht nur das Tintenschwarz geraubt, die Stille, sondern dem «Äs» und den Sagen auch die Kraft genommen. Ob es trotzdem noch da draussen ist? In den Felshängen wartet, mit den Flüssen spielt – ja, selbst Felshang ist und Fluss und übernatürliche Macht? Vielleicht sind wir Menschen einfach zu beschäftigt mit uns selbst und dem vom Menschen Gemachten, um es noch wahrzunehmen.

An der Reuss @ Andrea Keller

Bleibt die Frage: Wo, wenn nicht in den Alpen, schaffen wir es, uns daran zu erinnern, dass Wasser nicht nur gebändigt, genutzt und gemanagt sein will, auch nicht romantisch-verklärt und verharmlost, sondern respektiert? Wo, wenn nicht hier, gelingt es, Gewässer als das zu erkennen, was sie sind: kraftvolle und zugleich gefährdete Erscheinungen? – Voller Leben, das leben will.

Redaktion: Aline Stadler

Robert Macfarlane – Warum sind Flüsse Lebewesen? Sternstunde Philosophie / SRF Kultur. Sendung vom 12. Oktober 2025.

Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind (1974). Fredi M. Murer, Nemo Film / SRF Schweizer Radio und Fernsehen.

 

Reuss-Initiative. Grundrechte und Rechtspersönlichkeit für Gewässer.

GARN. Global Alliance for the Right of Nature.

Fryberg, Stefan (1995): Uri und seine Wasser. Altdorf.

Iten, Karl (1990): Adieu – Altes Uri: Aspekte des Wandels eines Kantons vom 19. ins 20. Jahrhundert. Neue Zürcher Zeitung NZZ, Zürich. 

MacFarlane, Robert (2025): Is a River alive? Toronto. 

Radkau, Joachim (2012): Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt. München.

Renner, Eduard (2016): Goldener Ring über Uri (Neuauflage). Altdorf. 

Schurtenberger, Josef (1973): Die Reuss. Solothurn.

Steinbach, Anne / Ty, Manolo (2022): Das letzte Eis. Zwei Welten im Wandel. Berlin.

Der alpine Wasserhaushalt gerät durch die globale Erwärmung unter Druck und befindet sich in einem starken Wandel – deshalb widmet sich Syntopia Alpina in mehreren Beiträgen dem Thema Wasser. Bisher publiziert: