Saslonch/Langkofel von Mastlé aus, Gherdëina/Gröden, Südtirol (© M. Volken)
Luis Trenker – ruft der Berg noch immer? Über eine Ikone in (Nach-)Kriegszeiten
Für viele ältere Generationen ist er eine Ikone alpiner Berggeschichten: Luis Trenker. Ein Südtiroler Schauspieler und Filmregisseur, der vor allem als Experte für seine Heimatregion wahrgenommen wurde. Was steckt hinter dem Bild des «Bergfex»?
Luis Trenker zählte zu den meistgefeierten Regisseuren des deutschen Filmunternehmens UFA. Während seine grossen Leinwanderfolge wie «Der Kaiser von Kalifornien» (1936) und «Der Berg ruft» (1938) nur mehr Kinobegeisterten ein Begriff sind, ist er vor allem älteren Generationen durch seine mediale Präsenz in der Nachkriegszeit noch immer bekannt. Bis weit in die 1980er-Jahre moderiert er Bergsendungen und erfreut das Publikum bei Auftritten in TV-Talkshows mit heiteren Anekdoten über die Tapferkeit der Burschen im Ersten Weltkrieg und chauvinistischen Kommentaren über Eva Braun – immer darum bemüht, sich selbst durch seine «alpine Authentizität» als Störfaktor in der propagandistischen Filmmaschinerie des Dritten Reichs zu inszenieren.
Doch wie kam dieses mediatisierte Bild des «Bergfex» eigentlich zustande? Richten wir den Blick auf eine Sendung, die massgeblich für sein positives Image als Heimat- und Alpenexperte verantwortlich ist: «Luis Trenker erzählt» (1959–1973). Wenn man sich dieser letzten Phase von Trenkers Medienschaffen zuwendet, stellen sich Fragen, die sowohl sozio-kultureller als auch ästhetischer Art sind: Wie kommt es, dass der Name 'Trenker' bis heute als Sinnbild für das 'Erzählen vom Berg' steht? Wieso sind es gerade Trenkers ästhetisch schwächste Produktionen, die am besten in medialer Erinnerung geblieben sind? Und wie lässt sich die bis heute weitgehend unkritische, oft gar positiv verklärende Erwähnung von Luis Trenker in Südtirol Reiseführern und Bergsachbüchern erklären?
«Luis Trenker erzählt»: Einfach und packend
Die Idee für die Sendung «Luis Trenker erzählt» geht auf die ehemalige Direktorin des Familienprogramms, Dr. Gertrud Simmerding, zurück und basiert auf den damals aktuellen Überlegungen zur erzieherischen und pädagogischen Rolle des Fernsehens: Moderator:innen sollen in einer rekonstruierten Vorlesesituation die Rolle des Betreuers und Unterhalters übernehmen. In einer alpinen Stube mit schlecht imitierten Bergmalereien vor den gardinenbestückten Fenstern sitzt Luis Trenker (der in weissem Hemd und Anzug kein bisschen «alpin» wirkt) und erzählt Geschichten aus seinem Leben, insbesondere aus seiner Kindheit und Jugend in einem noch weitgehend vorindustriellen Südtirol. Manchmal geht er ein paar Schritte durch den Raum, zeigt ein paar Fotos oder Landkarten und selten hat er weiteres Anschauungsmaterial dabei – wie das Schüttelbrot, dessen Härte er in der Folge «Die alte Lederhose und die neue Tante» (1966) vorführt. Die Sendungen werden live, ohne Schnitt und mit bescheidener Kameraführung abgedreht.
Der Erfolg der Sendung baut sicherlich zum Teil auf der Alternativlosigkeit des damaligen Fernsehprogramms auf. Die tatsächliche Beliebtheit von Trenkers Geschichten lässt sich jedoch empirisch an den Archiv-Aufzeichnungen des Bayerischen Rundfunks (BR) festmachen – sie zeigen, dass die Episoden regelmässig wiederholt und immer öfter auch im Abendprogramm ausgestrahlt wurden. Dieser Erfolg wiederum sicherte Trenker Auftritte in Talk-Shows und weiteren Bergdokumentationen: In der 10-teiligen Serie «Berge und Geschichten» werden Standbilder des gestikulierenden Trenkers aus der kultgewordenen Sendung sogar für das Intro wiederverwendet. Spätestens an diesem Punkt ist klar: Trenker ist zur Ikone der 'Berggeschichten' geworden.
Die erhaltenen, beim BR archivierten Folgen der Sendung ermöglichen eine Zeitreise in die Anfänge des Fernsehens und liefern bei der Durchsicht ein erstes Verständnis für ihren Erfolg. Es ist erstaunlich, wie sich die immergleichen, medientechnisch schlichten Folgen als unerwartet kurzweilig entpuppen. Trenkers Art zu erzählen fesselt: Seine Geschichten sind eingebettet in eine Performance, die Gesten, Ausrufe und eine Fülle beschreibender Attribute einschliesst. Empathisch werden Kernaussagen wiederholt, bis auch die unaufmerksamsten Zuschauer:innen im Wohnzimmer das Bild von Blumen übersäten Almen im Kopf haben, von denen Trenker gerade redet (in der Sendung «Der Patscher Pauli», undatiert) oder verstanden haben, dass der blinde und arme Mansueto ein zufriedener, gottesfürchtiger und gütiger Mensch war («Der blinde und das Kirchlein von St. Jakob», 1966) – und so auch als moralisch-pädagogisches Vorbild für das jüngere Publikum dienen kann.
Eine Sendung, die verbindet
Trenkers TV-Auftritte dokumentieren eine narrative Praxis, die mich unvermittelt an die Geschichten meiner Grossmutter erinnert und deren Funktionsweisen aus einer oralen Erzählpraxis jenseits visueller Repräsentation gespeist wird. Inhaltlich präsentiert sich das Format als eine Mischung aus christlich-konservativer Lektion und heiterer 'Lausbubengeschichte'. Über den stetigen Rückgriff auf die Berge als Kontinuum der göttlichen Schöpfung predigt Trenker allgemein menschliche Werte der Völkerverständigung. Dabei überrascht die Sendung mit einem relativ hohen intellektuellen Niveau: Trenkers Erzählungen integrieren regionalgeschichtliches und theologisches Wissen, linguistische Details zum Verhältnis von Latein, Italienisch und Ladinisch oder geographische Kenntnisse zu den Alpen. Seine eigenen Erlebnisse werden dabei stets unter dem Motto «Alles gut gegangen» ausgestaltet. Seine Erfahrungen an der Dolomitenfront verwandelt er so in kurzweilige Anekdoten, die eher an eine Neuauflage des «Fliegenden Klassenzimmers» als an einen Kriegsbericht erinnern. Der zweite Weltkrieg scheint gar nur als Kontrast zu den immer friedlichen Almen der Südtiroler Heimat hier und da Erwähnung zu finden – dabei skizziert Trenker genau jenes Bild Südtirols zwischen naturbelassener Idylle und touristischem Komfort, das in den Nachkriegsjahrzehnten immer mehr Deutsche zur Erholung in die Region lockt.
Aufkommender Alpentourismus
Die Sendung führt eindrücklich vor Augen, wie leicht es Trenker gelingt, denselben idyllischen Alpennarrativen, die auch von den Nationalsozialisten gefeiert wurden, einen neuen Anstrich zu verleihen: Statt Blut und Boden verschreibt er sich nun dem Erhalt der Natur, statt heroisch-martialischen Bergsteigerkult zu loben, animiert er zu heiteren Wochenendausflügen – die Geschichten vom vorindustriellen Leben in Südtirol und von alpinistischen Extremerfahrungen dienen hierbei in erster Linie der Ausgestaltung einer kollektiven Bergimagination, vor deren Hintergrund sich der deutsche Alpentourismus entfalten kann. Dabei repräsentiert Trenker wie vielleicht keine andere Medienfigur das Bedürfnis der deutschen Nachkriegszeit, mit der NS-Vergangenheit abzuschliessen und dabei gleichzeitig, angesichts radikaler gesellschaftlicher Umstrukturierungen, in der Erinnerung an vorindustrielle Idyllen neuen Halt zu finden.
In seinen Erzählungen gelingt es Trenker, die schwarzen Flecken der eigenen wie auch der kollektiven Vergangenheit zu umfahren und nostalgisch an seine idyllische Heimatregion zu erinnern. Gegen den Vorwurf der Nähe seiner Filme zum NS-Regime hat sich Trenker bis an sein Lebensende vehement gewehrt – seine in Bildästhetik und Narration allzu heroisch anmutenden Berg-Epen, die von führenden Nationalsozialisten wie Joseph Goebbels teils frenetisch gefeiert wurden, sind jedoch in der Nachkriegszeit nur noch bedingt salonfähig. Umso bereitwilliger akzeptiert Trenker daher die opportune, mediale Wende. Sie ermöglicht ihm, ein neues, apolitisches Bergimage zu festigen, dessen Strahlkraft bis in die Gegenwart anhält: So findet er als alpiner Geschichtenonkel bis heute in Südtiroler Reiseführern, Bergsachbüchern und alpinistischen Erzählsammlungen Erwähnung.
Redaktion: Aline Stadler