Waldbrände in den Alpen – eine Herausforderung für Feuerwehr & Co
Waldbrände bilden für den Alpenraum eine zunehmende Gefahr. Klimaveränderungen und extreme Wettereignisse, wie sie auch in neuesten Szenarien von MeteoSchweiz erwartet werden, fordern besonders Bergregionen heraus – und machen deutlich: Es benötigt integrale Strategien.
Waldbrände sind unregelmässige und heterogene Störereignisse, die zwiespältige Gefühle erwecken: Einerseits ist ein Feuer durchaus ein natürliches Phänomen, das zur Dynamik der Ökosysteme beiträgt, anderseits beeinträchtigt es vorübergehend den Wald – und vor allem dessen Schutzwirkung. In den Berggebieten kann es dann schnell zu Gefahren für Siedlungen, Verkehrswege und Bevölkerung kommen.
Das Waldbrandgeschehen eines Gebiets – das heisst, wann, wie oft, aus welchem Grund und wie intensiv es in einem Gebiet brennt – hängt von vielen Einflussfaktoren ab. Der Mensch spielt dabei sowohl eine indirekte (langfristige) als auch eine direkte (kurzfristige) Rolle. Langfristig bestimmt er durch seine Landschaftsnutzung über die Verteilung, Menge und Qualität des brennbaren Materials in einem Gebiet. Kurzfristig ist entscheidend, ob der Mensch einen kontrollierten oder fahrlässigen Umgang mit Feuer im Freien zeigt – sein Verhalten wirkt sich auf Brandbekämpfung und Eindämmung einer Brandfläche direkt aus.
Kurzfristig beeinflusst auch die aktuelle Wetterlage das Waldbrandgeschehen, zum Beispiel bei extremer Trockenheit, wenn das brennbare Material besonders leicht entzündlich ist. Der Mensch kann aber auch dies indirekt beeinflussen, insofern er durch die menschlich induzierte Klimaveränderung die extremen Wetterlagen (wie langandauernde Trockenheits- und Dürreperioden, hohe Sommertemperaturen und schneearme Winter) häufiger macht – und damit auch die waldbrandgünstigen Wetterlagen.
Die Alpen als anfälligste Region der Schweiz
Waldbrände bilden besonders für den Alpenraum eine zunehmende Gefahr. Die besondere Geländemorphologie – die steilen Hänge und schwer zugänglichen Flächen – sowie die ausgedehnten, zusammenhängenden Waldgebiete begünstigen die Ausbreitung von Waldbränden. Wie 2024 in der «Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen» belegt wurde, bringt das Feuer unter diesen Geländebedingungen – die für die Alpen typisch sind – eine starke, aufsteigende Thermik mit sich, die es für die Feuerwehr sehr schwierig oder gar unmöglich macht, bis zur Feuerfront vorzudringen und sie effizient zu bekämpfen.
Diese landschaftlichen Gegebenheiten, kombiniert mit der Häufigkeit brandbegünstigender Wetterlagen, führen zu einer höheren Wahrscheinlichkeit für Grossbrände, wie in der Graphik 1 zu erkennen ist. Auf der Alpensüdseite und in den Zentralalpen treten solche Grossbrände am häufigsten auf. Trotz ähnlicher topografischer Bedingungen sind die nördlichen Voralpen aus klimatischen Gründen hingegen weniger stark betroffen als der Jura.
Ein Parade-Beispiel für eine solche Feuerdynamik ist der Waldbrand im Sommer 2023 in Bitsch (Oberwallis): Hier führten Trockenheit, Hitze, Wind und das steile Gelände zu einer solch starken Thermik, dass ein Kronenfeuer mit Flammen von über 100 Meter Höhe entstand, welches schnell den Hang hinaufgetrieben wurde (Abb. 1). Die Ausbreitung der Feuerfront in Richtung der Siedlung Riederalp konnte erst gestoppt werden, als der Wind spät am Abend drehte. Eine nachträgliche Untersuchung an der einstigen Feuerfront des Waldbrandes zeigte: Thermisch in die Luft gehobene und brennende Teile trieben das Feuer voran und wurden durch die Thermik und den Wind bis 500 Meter weit transportiert. So konnten sie herumliegendes Brandgut über eine grosse Fläche hinweg entzünden.
Die grösste Gefahr entsteht nach einem Grossbrand
Im Gegensatz zu kleinen Waldbränden, die eine ökologische Dynamik in einen Wald bringen und sich vorübergehend positiv auf die Biodiversität auswirken können, wirken Grossbrände im steilen Gelände eher negativ auf die Schutzfunktion des Waldes. Nach einem intensiven Grossbrand ist die Gefahr für Erosion, Steinschlag und Murgänge grösser, wie Melzner & Co 2022 anhand von Ereignissen nach Feuerausbrüchen in der Schweiz belegt haben.
Hier kommen die Pflanzen ins Spiel: Wenn nach einem Brand die Boden- und Baumvegetation fehlt, prallen Regentropfen direkt auf den nackten Mineralboden. Dadurch werden Bodenstrukturen zerstört und Erosion und Auswaschung herbeigeführt. Diese negativen Auswirkungen eines Waldbrandes zeigen sich nach den ersten Wochen und Monaten. Bei Starkniederschlägen kann es zu Grabenerosion (Abb. 2) oder in extremen Fällen sogar zu Murgängen kommen (Abb. 3). Sind die Bäume stark beschädigt, beginnt – je nach Verletzungsgrad – ein langsamer oder rascher Sterbeprozess (Abb. 4). Die Lücken, die durch die toten oder zusammenbrechenden Bäume entstehen, werden von einer neuen Baumgeneration besetzt. Diese natürliche Waldsukzession nach einer Störung kann im Fall von Schutzwäldern vorübergehend zu einem Schutzdefizit führen und Steinschlag oder oberflächige Rutschungen ermöglichen. In Visp beispielsweise entstand ein allmähliches Verrotten der Wurzeln der toten Bäume nach dem Waldbrand von 2011, wodurch die Festigkeit des Bodens nachliess. Im Januar 2018 führte starker Regen zu oberflächigen Rutschungen und schliesslich zu einem Murgang.
Ein Blick in die Zukunft
Wird sich die Situation in Zukunft verschärfen? Für die Schweiz gelten folgende Prognosen (die in der 2016 erschienen Publikation «Wald im Klimawandel» dargestellt sind): Die Klimaszenarien und die erwartete Häufung von klimatischen Extremen wie Trockenheit und Hitzewellen führen zu einer generellen Zunahme der sommerlichen Brandgefahr bis zum Ende des Jahrhunderts, insbesondere von Blitzschlagbränden. Die Abnahme der Schneefälle im Winter wird ausserdem zu einer räumlichen und zeitlichen Ausdehnung schneefreier Gebiete führen, was die Waldbrandgefahr im Winter zusätzlich erhöhen könnte. In Berggebieten können zudem mehr zusammenhängende Waldflächen entstehen, sobald Grenzertragsflächen in der Landwirtschaft aufgegeben werden.
Waldbrände werden sich also auch in der Zukunft ereignen. Sie haben einen Einfluss auf die Sicherheit von Bevölkerung ebenso wie auf die Erhaltung von Infrastruktur. Obwohl man mit einer guten Prävention die Anzahl Brandausbrüche einschränken kann, können erste Löschversuche aufgrund der extremen Bedingungen häufiger scheitern und sich zu stärkeren Ereignissen ausweiten. Umso mehr sollen die bevorstehenden Herausforderungen mit einem integralen Ansatz eines Waldbrandmanagements angegangen werden. Das bedeutet insbesondere eine gute Koordination zwischen den verschiedenen Akteuren; zwischen Forstdienst, Feuerwehr, Polizei, lokalen, kantonalen und nationalen Behörden. Dem Bund und der Forschung kommen dabei eine wichtige Rolle zu, indem sie neue überregionale Instrumente und Analysen zur Verfügung stellen und den Wissenstransfer fördern und unterstützen. Diese Systeme bilden dann die Grundlage für Entscheidungen auf kantonaler Ebene: Ist ein Pikettdienst erforderlich? Wird ein Feuerverbot herausgelassen? Besonders im Fall von hoher Feuergefahr ist dies entscheidend.
Die Kantone Wallis, Tessin und Graubünden – die in der Schweiz am stärksten von Waldbränden betroffen sind – haben in den letzten Jahrzehnten erfolgreich integrale Waldbrandstrategien erarbeitet. Andere Kantone sind gefolgt. Diese Konzepte erfordern einen ganzheitlichen Ansatz, der alle Einflussfaktoren und mögliche Massnahmenbereiche berücksichtigt und sinnvoll miteinander verknüpft. Dabei ist allen klar geworden: Das Waldbrandmanagement hat sich heute über die Brandbekämpfung hinaus zu einer Verbundaufgabe entwickelt.
Redaktion: Aline Stadler