Eggberg, St. Antönien GR (© M. Volken)

Forcel, Calanca GR (© M. Volken)

Stauberenkanzel, Sennwald SG (© M. Volken)

Pizzo Erra, Faido TI (© M. Volken)

Die bezwingbare Natur? – Zur Geschichte des Schweizer Lawinenschutzes

Der Lawinenschutz ist fester Bestandteil des hiesigen Landschaftsbildes – davon zeugen allein die zahlreichen Stützverbauungen in den Schweizer Alpen. Diese und weitere Schutzmassnahmen vermitteln ein Gefühl von Kontrolle über die Natur. Doch was geschieht, wenn der Lawinenschutz versagt? 

Als im Februar 2026 innert weniger Tage zwei Lawinen bei Goppenstein im Kanton Wallis niedergingen und sowohl den Bahn- wie auch den Autoverkehr am Lötschberg lahmlegten, berichteten sämtliche grossen Schweizer Medien prominent über diese Ereignisse. Die Bilder der hoch aufgetürmten Schneemassen auf der alpenquerenden Verkehrsinfrastruktur riefen der Schweizer Öffentlichkeit einmal mehr eine Tatsache in Erinnerung, die sie in Anbetracht milliardenschwerer Investitionen in den Lawinenschutz gerne verdrängt: Dass sich potenziell tödliche Naturgefahren trotz modernster Ingenieurtechnik und sorgfältiger Schutzwaldpflege nie vollständig beherrschen lassen. Gerade deshalb drängt sich eine Frage auf: Warum wirken Bilder rund um Lawinenereignisse auch heute noch so stark auf das kollektive Sicherheitsgefühl?

Der Wunsch, die Bedrohung durch Lawinen für die menschliche Zivilisation zu bannen, lässt sich in der Schweiz bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Dem technikgläubigen Zeitgeist entsprechend, erhofften sich Pioniere wie der erste eidgenössische Oberforstinspektor Johann Coaz (1822-1918), durch bauliche Massnahmen im Anrissgebiet und eine gezielte Schutzwaldpolitik, solche Gefahren zu bannen. Im militärischen Duktus seiner Zeit forderte er, den «Feind» Lawine nicht an «Haus oder Stall» herankommen zu lassen, sondern seinen «Angriff» bereits frühzeitig zu stoppen. Die Grenzen der menschlichen Siedlungswelt sollten gegen die Gefahren des Hochgebirges abgesichert werden. In diesem Zug entstanden ausgedehnte «alpine Verteidigungslandschaften», die mit ihren teils kilometerlangen Trockensteinmauerreihen tatsächlich an Festungsbauten erinnern.

Die durch eine Lawine am 12. Februar 2026 verschüttete Rotloiwigalerie bei Goppenstein VS.  (Kantonspolizei Wallis)

Mit der Bundesverfassung von 1874 begann eine Entwicklung, die das Bild der Alpen nachhaltig verändern sollte. Der Bund investierte zunehmend in Verbauungen, Aufforstungen und Schutzwälder – und damit auch in die Vorstellung, Naturgefahren beherrschen zu können. Dabei spielten staatliche Subventionsleistungen eine zentrale Rolle, um Projekte in strukturschwachen Randregionen durchzuführen. Allerdings waren diese Zahlungen stets von der Finanzlage des Bundes abhängig. Ereignisse wie die beiden Weltkriege, aber auch die Weltwirtschaftskrise stellten immer eine Bedrohung dar, was insbesondere den Unterhalt inzwischen errichteter Verbauungssysteme betraf. 

Dessen ungeachtet wurde der Lawinenschutz zunehmend auch Teil des nationalen Selbstbildes. So fand er Eingang in die sogenannte «Geistige Landesverteidigung», eine politisch-kulturelle Bewegung, welche die Stärkung von als schweizerisch deklarierten Werten zur Abwehr faschistischer Ideologien aus den Nachbarstaaten bezweckte. So zeigte an der wirkmächtigen Landesausstellung 1939 in Zürich ein eindrucksvolles Modell im Massstab 1:1000 des umfangreichen Verbauungssystems «Muot» bei Bergün/Bravuogn die Leistungsfähigkeit des Schweizer Lawinenschutzes. Mehrere Millionen Besucherinnen und Besucher kamen im Zuge der Ausstellung so mit dem Thema in Kontakt. 

Die dort vermittelte, stark patriotisch aufgeladene Erzählung zeichnete das Bild einer nationalen Erfolgsgeschichte. Ihr zufolge konnte die Schweiz nicht nur äussere Bedrohungen in Form totalitärer Ideologien bewältigen, sondern durch den Lawinenschutz auch die als Gefahr dargestellte alpine Natur kontrollieren.

Modell der Lawinenverbauung Muot, ausgestellt an der Landesausstellung 1939 in Zürich.  (Eidgenössische Forschungsanstalt WSL, Bildarchiv / SLF_D_F0150_D_pos)

Dieses Bild bekam im Jahr 1951 durch einen schweren Lawinenwinter deutliche Risse. Mehrfache, extreme Schneefälle und eine ungünstige Wetterlage führten zu zahlreichen Lawinenniedergängen, was alleine in der Schweiz für 98 Tote und rund 1'500 zerstörte Gebäude sorgte. Infolge dieser schweren Ereignisse wurde unter massgeblichen Forschungsleistungen von Einrichtungen wie dem Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) und der Eidgenössischen Anstalt für das forstliche Versuchswesen (heute WSL) der Schweizer Lawinenschutz drastisch ausgebaut und intensiviert. Der Bund investierte ab den 1950er Jahren jährlich mehrere Millionen Franken an Bundessubventionen in den Lawinenschutz. Auch die Kantone beteiligten sich mit erheblichen Beiträgen. Seit Coaz’ Zeiten galt der Schutzwald als zentrale Säule des Lawinenschutzes. Man war überzeugt, dass er vielerorts die wirksamste und kostengünstigste Schutzmassnahme darstellte. Wo immer möglich wurden Aufforstungen den technischen Schutzbauten vorgezogen. Nur wo es unumgänglich war, errichteten die zuständigen Ingenieure vermehrt Konstruktionen aus Beton und Stahl anstelle der traditionellen Trockensteinmauern.

Aufnahme aus dem Jahr 1967 von Verbauung am Kühnihorn im St. Antöniertal. Rechts unterhalb ist der Schutzwald sichtbar.  (Eidgenössische Forschungsanstalt WSL, Bildarchiv / SLF_D_F0372_D_pos)

Diese enormen Investitionen in den Lawinenschutz und die Schutzwaldbewirtschaftung liessen in weiten Teilen der Schweizer Bevölkerung den Glauben an einen quasi von der Natur unbezwingbaren Lawinenschutz aufkommen. Im Zuge des enormen wirtschaftlichen Aufschwunges fand in den Schweizer Alpen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ungekannte Ausdehnung der Infrastrukturen statt. Dazu gehörten Unterkünfte in Tourismusorten ebenso wie immer besser ausgebaute Zufahrtsstrassen. Damit stiegen auch die Erwartungen an den stetigen Schutz von Strassen- und Bahninfrastrukturen. Zeitweise Sperrungen mussten vermieden und Verbindungen auch bei grossen Schneefällen gewährleistet sein. Ab den 1980er Jahren führte eine zunehmend defizitäre alpine Schutzwaldbewirtschaftung zu einer Professionalisierung der Schweizer Schutzwaldpolitik, so etwa in der ab 1984 aufgebauten Fachstelle Gebirgswaldpflege.

1999 führte ein schwerer Lawinenwinter der Schweiz erneut vor Augen, dass eine umfassende Vorsorge zwar wichtig, absolute Sicherheit aber auch mit modernsten Schutzmassnahmen und -strategien nicht zu erreichen ist. Schlichtweg überschneite Verbauungen zwangen an verschiedenen Orten zur Evakuierung von Siedlungsgebieten und es kam bei insgesamt 1'200 Schadenlawinen zu 17 Todesopfern und 600 Millionen Franken Sachschäden. Später zeigten Untersuchungen, dass die Schutzmassnahmen aber grundsätzlich wirksam gewesen waren und weit höhere Schäden sowie Opferzahlen verhindert hatten.

Auch wenn die Ereignisse zu Beginn des Jahres 2026 in ihrer Dimension klein waren und keine Opfer forderten, hinterliessen sie dennoch eindrückliche Bilder, die einmal mehr vermeintliche Gewissheiten infrage stellten. Der seit dem 19. Jahrhundert aufgebaute Schweizer Lawinenschutz darf mit Fug und Recht als Erfolgsgeschichte bezeichnet werden. Opferzahlen und Schäden konnten reduziert und damit die Sicherheit für die Bergbevölkerung, aber auch Touristinnen und Touristen erhöht werden. Die gezielte Inszenierung des Lawinenschutzes als typisch schweizerische Errungenschaft hat sich tief im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit verankert. Egal, ob Modelle von gewaltigen Verbauungen oder Fotografien verheerender Lawinenkatastrophen: Sie prägten und prägen das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft. Darin liegt die Wirkmächtigkeit von Bildern.

Gerade die erwähnten «Schockmomente» stören ein vermeintliches Gefühl der Sicherheit und wecken Ängste. Als die Bilder aus Goppenstein Anfang 2026 auf den Bildschirmen vieler Menschen erschienen, zeigten sie nicht bloss verschüttete Verkehrswege. Sie erinnerten vielmehr daran, dass selbst die aufwendigsten Schutzsysteme Grenzen haben. Sie stellen nicht den Erfolg des Lawinenschutzes infrage, sondern die gesellschaftliche Vorstellung von Kontrolle über die Natur. Die Schweiz hat gelernt, mit Lawinen zu leben. Eine absolute Sicherheit aber wird sie trotz aller Bemühungen niemals erreichen können.

Redaktion: Elena Arnold

Der Umgang mit der Lawinengefahr wurde im Jahr 2018 von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe ernannt. Die Kandidatur wurde von der Schweiz und Österreich eingereicht und unterstreicht die Tatsache,

dass der Lawinenschutz integraler Bestandteil der kulturellen Identität in Bergregionen ist. Weitere Informationen unter: https://www.admin.ch/de/nsb?id=73127

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Bettzieche, Jochen: 25 Jahre Lawinenwinter 1999. In: WSL News / SLF News, 15.02.2024. Online: https://www.wsl.ch/de/news/25-jahre-lawinenwinter-1999/ [Abruf am 04.06.2026].

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